Lauftraining im Teutoburger Wald – Unterwegs auf den Hermannshöhen und Trails

Dezember 29, 2015

Komfortzone ist etwas schönes! Sie zu verlassen, dazu zählt nicht nur die Geschwindigkeit, die du im Training an den Tag legst, sondern auch die Strecke, die du läufst. Warum Berge hoch laufen, wenn es doch eine angenehm flache Strecke gibt? Berge sind anstrengend, ohne Frage. Die Pace ist unter aller Sau. Und am nächsten Tag winkt der Muskelkater. Aber wie herrlich kannst du beim Training darüber fluchen? 😉

Als gebürtige und wohnhafte Flachland-Berlinerin freut es mich immer, mal in anderen Gebieten die Natur in meinen Laufschuhen zu erkunden. Ein Weihnachtsbesuch bei meiner nach Nordrhein-Westfalen ausgewanderten Familie verbunden mit dem anstehenden Long Run bot sich da wunderbar an. Am (für Berliner Verhältnisse) kleinen Örtchen Steinhagen nahe Bielefeld liegt der Teutoburger Wald, von wo aus ich startete. Ziel sollte der Kammweg sein, der hier oben entlang führt.

Bei frühlingshaften 12 Grad und Sonnenschein begann ich gestern meinen Long Run. Ab in den Wald, hoch den Berg (Österreicher würden jetzt lachen). Ich hielt mich für total schlau, als ich die Downhill-Strecke hochrannte. Dachte, je steiler, desto schneller bin ich oben. War ich auch, aber auf dem falschen Berg. War ja klar. Also alles wieder hinunter und an anderer Stelle wieder hinauf zum Petersberg. Da, wo eigentlich kein Weg ist.

An der Gaststätte Peter auf’m Berg war ich dann auf dem Kammweg angekommen. Ächzend. Hechelnd. Nach nicht mal 2 Kilometern fertig wie ein Hörnchen. Der Schweiß lief mir die Stirn nur so runter gepaart mit ausgeprägter Schnappatmung. Aber ich war oben. Dachte ich. Der Kammweg ist eine Teilstrecke der Hermannshöhen. Ein Wanderwegenetz aus 226 km, welches das nördliche Münsterland, den Teutoburger Wald und das südliche Sauerland miteinander verbindet. Ich wollte heute die Etappe 6 erlaufen, die von Bielefeld nach Halle/Westfalen führt.

Mit dabei hatte ich dafür 1 Liter Wasser in meinem Laufrucksack, einen Snack und meinen Technik-Zoo aus Bluetooth-Kopfhörern, meinem Forerunner 920xt, Handy mit Runtastic und als Neuzugang meinen Satelliten-Messenger SPOT. Die letzteren drei durften alle meine Route mittracken und den SPOT wollte ich bei der Gelegenheit testen. Wie ein Cyborg ausgestattet ging es weiter auf dem Kammweg. Nach oben, immer noch weiter nach oben. Meine Oberschenkel brannten schon und ich erwischte mich ab und an beim Gehen. Immer, wenn ich auf eine Gruppe Wanderer traf, lief ich aber hoch erhobenen Hauptes dynamisch an ihnen vorbei, als wäre es nichts. Simulieren ist alles!

Nach etwa 4 km wurden die Anstiege seichter und ab dann war es richtig schön. Ein herbstlicher Waldweg, der durch die nackten Bäume hindurch von der Sonne in goldene Wärme getaucht wurde.

Hermannshöhen1

Ein paar hundert (Höhen)Meter weiter bot die Schwedenschanze ein herrliches Panorama über das Örtchen Kirchdornfeld in die eine Richtung und über Amshausen in die andere. Erfrischungen gab es hier heute leider nicht, aber eine kurze Verschnaufpause für die höhengeplagten Berliner Muskeln.

Schwedenschanze

Schwedenschanze1

Einen Großteil der Strecke ist der Kammweg von Laub- und Nadelbäumen gesäumt, erinnerte mich mal an die sandigen Kiefernwäldchen Brandenburgs und einige Schritte weiter stand ich schon wieder in einem verwunschenen Pilzwald. Ab und an gaben die Bäume den Blick über die Täler unterhalb des Wanderwegs frei. Mehr als einmal lud eine sonnige Holzbank zu einer Panorama-Pause ein. Aber ich widerstand und genoss den Ausblick im Vorbeilaufen.

Hermannshöhen2

Kurz vor meinem geplanten Wendepunkt erweckte ein kleines Schild am Wegesrand meine Aufmerksamkeit. Eine Ratte auf einem Baumstamm? Natürlich siegte die Neugier und ich lief nicht mehr weiter auf dem Hauptweg, sondern folgte der Ratte.

Baumpfad1

Der Pfad wurde auf einmal sehr schmal und matschig. Und führte geradewegs nach unten. Dabei war ich doch erst so mühsam auf den Berg gekrochen. Ich überlegte kurz, ob ich wieder umdrehen sollte. Aber die Wissbegier war stärker als die Faulheit, alles wieder hinauflaufen zu müssen.

Baumpfad

Nur einige matschige Meter weiter stand dann des Rätsels Lösung. Oder ein zu lösendes Rätsel? Mitten im Wald ein hölzernes Glückrad mit drei Scheiben mit Symbolen und Silben darauf. Real-Life-Monkey Island 🙂 Für alle Rätselungeübten oder solche, die ihre Lösung überprüfen wollten, stand gleich daneben die Lösungsbox. Putzig!

Glücksrad

Glücksrad_Lösung

Hier endete auch der kleine Pfad und ging in einen größeren Parallelweg zu den Hermannshöhen über, dem ich bis Halle/Westfalen folgte und am Grünen Weg umkehrte. Ich kämpfte mich wieder die Höhenmeter hinauf, die ich verloren hatte. Schwitzte, schimpfte, ging, stand, japste. Und fühlte mich an den Wurzelsteig aus den Müggelbergen erinnert. Fast wieder oben suchte ich mir einen sonnigen Fleck und genoss erstmal meine Verpflegung. Für Long Runs nehme ich mir immer einen Beutel Fruchtmus mit, den es in der Babynahrungsabteilung gibt. Die Frechen Freunde sind mein Favorit. Sie schmecken super, sind ohne Zuckerzusatz, haben abwechlsungsreiche Sorten und mehr Inhalt als Beutel der Konkurrenz. Vergleichbare Quetschbeutel der einschlägigen Sportproduktehersteller kriege ich nicht runter. Sie schmecken wie Tütensuppe.

freche freunde

Auf dem Rückweg entschied ich mich, eine andere Route zu nehmen, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo ich da landen würde. Mit nur einer groben Ahnung lief ich bergab, mutmaßlich nach Steinhagen. An den Bäumen waren Routen wie A1 und A2 gekennzeichnet. Ich nahm A1 und kam bei einem Feld heraus. Dummerweise fanden genau jetzt, hier und heute Baumfällarbeiten auf meinen Weg statt. Ich lukte hinter dem Wagen hervor und erspähte ratlose Wanderer auf der anderen Seite, die auch nicht wussten, wohin. Ein Pärchen drehte um.

Auf dem Auto stand „Durchgang verboten“, was für mich soviel heißt wie „Da wartet Spaß!“ Und da ich sowieso nicht wusste, wie ich alternativ laufen sollte, sprang ich einfach mal quer übers Feld durch Spinat oder Salat. Irgendwas Grünes. Das andere Pärchen tat es mir gleich.

Forstarbeiten

Der Feldweg ging kurz darauf in Asphalt über. Darauf hatte ich zum einen nicht wirklich viel Lust und es fehlten auch noch einige Kilometer zum Long Run. Neben der Straße tat sich ein Waldweg mit dem entzückenden Namen TerraTrail auf. Trail? Das kann nur gut sein. Das Wörtchen Trail zieht mich einfach magisch an. Wo Trails sind, bin ich. Wie ich später herausfand, sind die TerraTrails eigentlich ein Wegenetz für Mountainbiker, das sich durch den Natur- und Geopark TERRA.Vita zieht.

terra_trail

Der Trail ging wieder bergauf. Ich meckerte in mich hinein, aber ich wollte es ja nicht anders. Ein Weg war manchmal kaum noch zu erkennen, mehr Laub und Wurzeln wollten übersprungen werden. Wieder zwei Wanderer. Ich zog stolz wie eine Gemse an ihnen vorüber und verfiel sobald ich außer Sichtweite war wieder ins Bergaufschnaufen. Schließlich führte  mich der Trail wieder auf die Herrmannshöhen und zu Peter.

Hinter Peters Gaststätte folgte ich dem Kammweg kurz. Viele Wanderer. Ich völlig im Eimer. Aber ich zog an, vorbei und legte eine Orientierungspause an den Richtungsschildern ein. Ich entschied mich gegen die Runde zum Tierpark Olderdissen und verschwand nach rechts unten im Wald.

Ein Gang zwischen zwei Felsen erinnerte mich an Dagobah. Die dahinterliegenden Ruinen hatte ich schon einige Male gesehen, aber bis heute rätsele ich, was hier wohl einst stand.

Teutoburger Wald2

Mitten im Wald findet man hier teils umgekippte Grabsteine aus schweren Granitblöcken, die scheinbar wahllos abgelegt wurden. Ein gewisser Gruselfaktor ist dem nicht abzusprechen.

Teutoburger Wald1

Ein paar Kilometerchen wollte ich noch schrubben. Ich traf auf einen zweiten TerraTrail, der aber auf einmal matschig wurde. Geradezu sumpfig. Schon auf dem gerölligen Kammweg hatte ich mich geärgert, dass meine Salomon Speedcross brav in Berlin standen, statt an meinen Füßen. Aber hier fragte ich mich, ob ich noch ganz bei Verstand gewesen war, als ich meine pinken Stadt-Kayanos eingepackt hatte.

Matschweg

Nachdem ich ein paarmal schön tief eingesunken war, suchte ich das Weite und die Hauptstraße, die mich die letzten Kilometer wieder zum Ausgangspunkt führte. 21,5 km und etwa 550 Höhenmeter hatte ich in 3 Stunden hinter mir gelassen. Das ist mehr als beim Sachsen-Quartertrail in weniger Zeit. Ein prima Trainingsgebiet also. Schade nur, dass es morgen schon wieder ins Flachland geht…

Für die Technik-Affinen

Hier mal ein Vergleich, was meine mitgeschleppten Geräte unterwegs aufgezeichnet haben. Garmin und Runtastic haben die gesamte Strecke dokumentiert. Leider hat Garmin mehr als eine halbe Stunde Pause verzeichnet (habe ich korrigiert), die ich definitiv nicht hatte. Entweder war das GPS-Signal weg oder ich einfach zu langsam. Der SPOT hat leider nach weniger als der Hälfte nicht mehr getrackt, obwohl das Gerät selbst es so angezeigt hat. Eventuell hat meine manuelle Check-In-Nachricht das Tracken abgebrochen. Ich werde das  mal unter die Lupe nehmen.

Garmin-Aufzeichnung

Garmin-Aufzeichnung

 

runtastic-Aufzeichnung

runtastic-Aufzeichnung

 

SPOT-Aufzeichnung

SPOT-Aufzeichnung

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8 Comments

  • Reply Dominik Dienstag, der 29. Dezember 2015 at 16:16

    Schöner Beitrag und schöne Fotos – ich glaub den Teutoburger Wald werd ich mir dann auch mal vorknöpfen… Vorher muss ich aber dringend mal wieder den Rucksack schnüren und im Schwarzwald auf die Trails, hier in Berlin komm ich kaum auf Höhenmeter… Danke für die Motivation!

    • Carola
      Reply Carola Dienstag, der 29. Dezember 2015 at 18:15

      Im Schwarzwald war ich noch gar nicht unterwegs. Ach es gibt so tolle Strecken in Deutschland und der Welt. Dafür reicht ein Läuferleben nicht 🙂 Gerne, Dominik. Wenn ich nur einen Menschen motivieren kann, war mein Beitrag schon ein voller Erfolg!

  • Reply Torsten Freitag, der 1. Januar 2016 at 17:35

    Hi Carola, danke für diesen interessanten und wirklich gut geschriebenen Bericht. Ich war noch nie in der Gegend Teuteburger Wald unterwegs, hab aber jetzt richtig Lust, dort mal zu laufen. Werde dann auf jeden Fall die Salomon Schuhe mitnehmen. 🙂
    Toll war auch der Tipp mit den Fruchtmus-Beuteln aus der Babynahrungsabteilung. Freue mich schon auf weitere Trail- oder Wander-, Lauf- Berichte von dir.

    • Carola
      Reply Carola Montag, der 4. Januar 2016 at 07:03

      Lieber Torsten, ich freue mich immer, wenn ich anderen eine kleine Inspiration geben kann. Ich würde auch gern viel öfter „auswärts“ laufen, wenn es die Zeit erlauben täte. Zumindest wenn die Wettkampfsaison beginnt, komme ich wieder mehr rum.
      Das Fruchtmus ist eine ideale Verpflegung… wenn nicht gerade wie gestern -11 Grad sind und das Mus zu Eis gefriert 😉

  • Reply Jens Donnerstag, der 18. Februar 2016 at 18:33

    Hallo Carola,
    meine Familie lebt auch in Bielefeld und ich in Berlin. Es gibt noch eine, die arbeitet beim nike Store, deren Familie in Bielefeld lebt.
    Wenn ich dort bin laufe ich auf der anderen Seite den Herrmann, Richtung Hillegossen.
    In den Frechen Freunden sind fast alle KH’s aus Zucker. Es gibt noch Fruchtgummies von Powerbar oder Squeezy.

    • Carola
      Reply Carola Donnerstag, der 18. Februar 2016 at 18:56

      Jens, das ist interessant, dass es noch mehr solcher Konstellationen gibt! Ich finde es ganz schön, mal dort durch die Wälder zu streifen.
      Die Fruchtgummies kenne ich. Ich mag aber genau das Gefühl des kalten Fruchtmus als Belohnung. Es kann nicht immer alles gesund sein 😉

  • Reply Caroline Pompadour Donnerstag, der 18. August 2016 at 17:53

    Heimische Gefilde! Sehr schön! Tolle Bilder und schöner Bericht <3

    • Carola
      Reply Carola Mittwoch, der 24. August 2016 at 08:46

      Hehe, danke 🙂 Vielleicht schaffen wir es ja mal, zusammen dort die Wälder und Berge unsicher zu machen.

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