Dresden Halbmarathon – Einmal Knie abhacken, bitte!

Oktober 26, 2016

Auf, auf nach Dresden

Vor vier Monaten wurde er mit so viel Euphorie geplant, der Dresden Halbmarathon. Die 2-Stunden-Marke sollte (wieder) fallen. Dass ich die nicht schaffen würde, war mir eigentlich schon Mitte September klar, weil ich wieder auf zuvielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen war. Ostseeweg hier, Disneylauf da, Bootcamp auch noch… und keine Zeit für richtiges Tempotraining. Also Zeit nach oben korrigiert. Auch gut. Dass der Halbmarathon aber so mies ablaufen würde, hätte ich dann doch nicht erwartet.

Mit dem Flixbus reiste ich mit Flo, Boostthemietz und Katharina am Samstag morgen nach Dresden an. Eine sehr angenehme Art, von A nach B zu kommen, stellte ich fest. Zwei Stunden gemütlich das WLAN des Busses nutzen, nicht selbst fahren müssen und das für 7 €. Besser gehts ja kaum und unglaublich eigentlich, wenn man sich mal vor Augen hält, was die BVG verlangt. Von Neustadt wackelte ich dann mit meinem Rucksack über die Brücke Richtung Messe und zu meinem Hotel, was direkt am Start lag. Hotelmäßig quer über die Stadt verstreut rudelten wir uns zu fünft zusammen, um die Startunterlagen zu holen. Vor der Messe heizte eine Sambagruppe die Läuferschar schon mal auf und ich freute mich, mich zum ersten Mal in meinem Läuferleben an einer Pasta-Party laben zu können, die in der Startgebühr von immerhin 41 € enthalten war. Besonders erfreut waren wir, dass ein Stand vor der Messe bereits winterliche Heißgetränke ausschenkte, was zum ersten Glühwein der Saison führte. Alkohol vor dem Wettkampf? Glühwein zählt da nicht.

Weil das noch nicht genug Kohlenhydrate waren, trafen wir uns abends noch zu einer ordentlichen Pizza. Ein bisschen plagte mich dann doch das schlechte Gewissen, so dass ich mir die Pizza einpacken lies, nur um im Zimmer festzustellen, dass so eine Pizzapackung schlecht in die Minibar passt.

dresdenhm_pizza-minibar

Der Sonntag…

Direkt an der Startlinie zu wohnen hat seine Vorteile. Aber auch Nachteile, wie ich früh um 7 am Sonntag feststellte, als mich die Straßenabsperrungsaufstellungsleute unsanft weckten. Weil der Start erst um 10:30 Uhr für den Halbmarathon anstand, machte ich mir in aller Ruhe meinen Porridge aus der Tüte und Instant-Kaffee. Frühstücksbuffet wird ja völlig überschätzt.

Kurz vor 10 fielen die Mädels bei mir ein und wir trafen uns zu einer Runde Warmlaufen. So kalt, wie es war, war das ne tolle Sache… wenn, ja wenn da nicht schon zu diesem Zeitpunkt mein Knie angefangen hätte, Zicken zu machen. War das Dehnen direkt davor vielleicht doch nicht so eine clevere Idee gewesen?

Der Startschuss fiel. Ein kleines ambitioniertes Ziel hatten Sam und ich uns dann doch noch gesetzt und wir wollten im Rahmen unserer verbliebenen Möglichkeiten Gas geben. Schon nach weniger als einem km merkte ich mein Knie deutlich. Nach EINEM Kilometer. Das durfte doch nicht wahr sein. Ich ignorierte es. Nach zwei km war es nicht besser und natürlich auch nicht nach dreien. Der Anstieg nach etwa 6 km war kaum erträglich und im Laufen gar nicht zu machen. Mit jedem Schritt fühlte ich das Messer, dass sich geschmeidig immer von außen in mein Knie hineinbohrte. Den Hügel ging ich dann schnellen Schrittes hinauf. Wie sollte ich das denn noch weitere 15 km aushalten?

Wann hört das endlich auf?

Was folgte, waren 4 km mit schmerzverzerrtem Gesicht. Und auch Sam litt, wenn auch nicht unter den selben Schmerzen wie ich. Von unserer Plan B-Zielzeit waren wir beide schon weg. „10 km! Wenigstens bis 10 km musst du durchhalten“, dachte ich. Und lief. Irgendwie. Jede Steigung, jedes Gefälle quälte mich. Ab und an ging ich wenige Schritte, um Sam dann auf den flachen Passagen wieder einzuholen. Aber nach 10 km war Schluss damit. Ich wollte allein sein mit meinem Schicksal und niemanden aufhalten. Und so ließ ich Sam mit Thomas ziehen.

Jeder Kilometer zog sich wie Kaugummi. Ich konnte gar nicht fassen, wie lang so ein km werden kann. Mein Puls war durch den Schmerz unnormal hoch für eine Geschwindigkeit von gerade mal noch 6:20er bis 6:30 er Pace. Für eine flache Strecke ging es verdammt oft hoch und runter und ich verfluchte jede dieser Stellen. Immer, wenn ich dachte, mein Knie fängt sich, schlug das Messer wieder mit voller Wucht hinein. Gehen, laufen, geeeeehen, laufen. Jede Kurve stach das Messer wieder zu. Obwohl ich die ganze Zeit meine Kopfhörer im Ohr hatte und nur auf Play hättte drücken müssen, lief ich die gesamte Zeit ohne Musik. Ich hatte keine Lust auf Motivationsmusik. Nicht mal Fotos machte ich unterwegs, nur ein einziges. Jeden Kilometer dachte ich daran, aufzuhören. Jeden Kilometer dachte ich, es hört gar nicht mehr auf. Wo war denn hier noch der Spaß an der Sache?

DNF ist keine Option! Das hämmerte durch meinen Kopf. Nach 16 km schlang ich Isodrink, Bananen und Wasser hinunter. Aber selbst das verführerische Rosinenbrot lies ich links liegen. Kein Bock! Einen Fuß vor den anderen setzten. Wie in Paris. Komisch, in Paris hatte ich aber wenigstens Spaß gehabt. Der Weg ist das Ziel. Von wegen! Heute war nur noch das Ziel das Ziel. Selbst bei km 20 musste ich noch gehen. Erst, als der vermeintliche Zielbogen in Sichtweite kam, konnte ich auf einmal Kräfte mobilisieren, um der Qual endlich ein Ende zu bereiten. Leider ging es da noch ein paar Kurven weiter.

Völlig am Ende, aber froh, dass es vorbei war, kam ich gute 7 Minuten nach Sam ins Ziel. Nach 2:15:01 Stunden in den Schmerz rennen. Mein Orthopäde hätte sicher „Juchu“ geschrien. Hinterher, noch bevor ich unter die heiße Dusche verschwand, verdrückte ich mit riesen Appetit die kalte After-Race-Pizza.

Dresden – nicht unser Ding!

Vier von uns fünf Läufern blieben an diesem Tag hinter ihren Zielen zurück. Knieschmerzen, Waden-, Rücken- und Magenschmerzen bzw. Seitenstiche waren das, was Dresden uns bescherte. Nur Katharina, die Frau mit der schönsten Hose, lief eine unglaublich Zeit von 1:46 Stunden. Ja, es gab eine Medaille. Ja, ich war ins Ziel gekommen. Und ja, so schlecht ist meine Zeit angesichts der Umstände nicht. Aber einen Halbmarathon unter Schmerzen zu laufen… nein danke. Das muss ich nicht wieder haben.

Und nun?

Das Knie zickt immer noch, wenn ich Treppen hinunter laufe. Für diese Woche habe ich mir Laufpause verordnet. Zumindest bis Sonntag. Am Sonntag ist die Cross Challenge dran. 19 km durch den Zuckersand der Döberitzer Heide. Ja. Ich glaub, das ist (k)eine gute Idee!

Zum Glück habe ich viel „Fachkundige“ in meinem Freundeskreis und schon Unmengen an Tipps erhalten. Ein paar davon werde ich beherzigen. Aber letzten Ende weiß ich auch selbst, was das Problem ist. Faulheit. Faulheit, ins Fitnessstudio zu gehen und die Beinmuskeln aufzubauen. Faulheit, sich nach der Belastung zu dehnen. Das hat man dann davon. Wer nicht hören will muss fühlen. Danke Körper. Ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl gemerkt… und gelobe Besserung!

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10 Comments

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    Reply Sven Mittwoch, der 26. Oktober 2016 at 15:59

    Die Crosschallenge am Wochenende zu laufen halte ich auch nicht gerade für die beste Idee wenn man deinen Leidensweg von Dresden so liest. Eigentlich bräuchten deine Oberschenkel ganz viel Faszientraining und deine Knie schonende und nicht zu anstrengende Bewegungen.
    Anstatt ins Fitnessstudio zu gehen würde ich eher Core- und Stabiübungen machen. Ein paar Minuten pro Tagen reichen da schon, zum Beispiel mit der „7 Minutes“ App oder so. Und natürlich am Laufstil arbeiten dann gehen die Belastungen auch nicht übers Knie.
    Ich wünsche dir das du schnell wieder Fit wirst und bitte nicht weiter unter Schmerzen laufen das kann mal ganz böse nach hinten losgehen.

    • Carola
      Reply Carola Donnerstag, der 27. Oktober 2016 at 12:07

      Hi Sven, ich werde zumindest so vernünftig sein und von 19 km auf 10 runtermelden. Im Zweifel wandere ich einfach. Das Zeitlimit von 2 Stunden lässt das ja zu. Ansonsten habe ich schon ganz viele Tipps bekommen, wie ich mein Knie wieder hinkriege. Letztlich weiß ich ja, was ich falsch gemacht hab. Manchmal muss man/ich das aber wohl noch spüren.

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    Reply Laufwelt Mittwoch, der 26. Oktober 2016 at 18:12

    Oh je … Das hört sich ja wirklich nicht gut an! Aber die Zeit ist unter diesen Umständen doch wirklicht gut.

    Ich wünsche Dir schnelle und gute Besserung!

    • Carola
      Reply Carola Donnerstag, der 27. Oktober 2016 at 12:04

      Lieben Dank, Manu. Stimmt. So schlecht ist die Zeit gar nicht, wenn man bedenkt, wieviel ich doch gegangen bin. Aber die ganze Zeit die Schmerzen zu haben, das war es (eigentlich) nicht wert.

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    Reply Kalle Mittwoch, der 26. Oktober 2016 at 18:55

    Juhu meine Augen sind noch gut 🙂 Ich hab dich irgendwann im Grubel gesehen und war mir nicht sicher ob du es warst – aber die Augen scheinen das richtige gesehen zu haben. Schade dass euch dieser eigentlich echt schöne HM nicht viel Glück beschert hat 🙁 ich hoffe die Schmerzen verschwinden schnell und DD bekommt im neuen Jahr eine neue Chance.

    Viele Grüße aus Elbflorenz, Kalle

    • Carola
      Reply Carola Donnerstag, der 27. Oktober 2016 at 12:03

      Ach mensch, schade, dass wir uns nicht gesehen haben. Also du mich ja schon! Beim nächsten Mal einfach ansprechen 🙂 Ich freu mich drüber. Und jetzt heißt es nach vorn schauen, Krafttraining für die Beine und dehnen, dehnen, dehnen.

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    Reply Sam Müller Donnerstag, der 27. Oktober 2016 at 06:00

    Mich beglückwünschen viele, dass ich „so viel Biss“ habe, dass ich mich durch geköpft habe usw. Noch nie ging es mir bei einem Lauf so schlecht, warum, weiß ich nicht. Ich mutmaße, dass ich a) zu wenig Regeneration über das Jahr hatte, b) zu wenig Kraft und Stabi gemacht habe und c) einfach keine Lust mehr hatte auf einen WK. „DNF ist nicht drin!“ auch hier haben wir eine gemeinsame Einstellung, aber dieses 21 km unter Schmerzen Laufen kann es auch nicht sein. Manchen bringt das mental weiter… Ich versuche aus dem Jahr 2016, das super mit PB anfing und dann suboptimal unter Schmerzen endete
    Caro, wir haben den perfekten Winterplan, der viel viel Regeneration enthält. An diesen Plan halten wir uns und dann starten wir im neuen Jahr mit neuen Zielen durch!

    • Carola
      Reply Carola Donnerstag, der 27. Oktober 2016 at 12:10

      Wenn man unseren Zustand bedenkt, sind unsere Zeiten ja wirklich nicht schlecht. Ob es die „Opfer“ aber wert waren, ist die andere Frage. Manchmal wünschte ich mir eine Opt-out-Möglichkeit bei solchen Wettkämpfen, dass man quasi nach 10 km aufhören kann, ohne das eigene Gesicht vor sich selbst zu verlieren. Wenn es nicht geht, geht es halt nicht. Ich glaube,das müssen wir beide noch lernen. Umso mehr freue ich mich auf unsere Regeneration und passendes Training. Wir werden schon wieder durch den Schnee tollen. Mit Glühwein und ohne!

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    Reply Mietze Donnerstag, der 27. Oktober 2016 at 19:00

    Ich frage mich auch wieso du nicht DNF hast. Wo kommt dieses dumme DNF ist keine Option her? Nee da riskierst du lieber eine längere Pause? Das ist doch völlig sinnlos. Manchmal läuft es eben nicht und es ist keine Schande das zuzugeben!
    Ich tue für eine Medaille nicht mehr alles. Schon gar nicht meine Gesundheit zu riskieren.
    Die Cross Challenge würde ich mir an deiner Stelle klemmen:D

    • Carola
      Reply Carola Freitag, der 28. Oktober 2016 at 07:03

      Einstellungen der Läufer sind eben so unterschiedlich wie ihre Laufstile…

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