Rim2Rim2Rim – Teil 1: South Kaibab Trail bis Cottonwood

Dezember 10, 2017

Seit ich vor Jahren zum ersten Mal am und im Grand Canyon war, hat mich dieser unglaubliche Ort nicht mehr losgelassen. Extreme in Form von Temperaturen, Gefällen, Anstiegen und Erdgeschichte wirken hier auf den dagegen so erstaunlich kleinen Menschen ein. Und kein anderer als dieser Ort hat mir die fixe Idee des Arizona Trails in den Kopf gepflanzt. Da ich den Grand Canyon aber bei der Durchwanderung 2019 „nur“ einmal überqueren werde, stand schon eine Weile auf der Bucket-List die Rim-to-Rim-to-Rim-Wanderung. Also einmal von der einen Seite nach unten, auf der anderen wieder hoch und das ganze zurück. Nur allein der Plan nützt jedoch nichts, denn eine Canyon-Durchquerung muss vorab beantragt und genehmigt werden.

Ein paar Formalitäten

Vier Monate vor der geplanten Wanderung kann und sollte man beim Backcountry Office ein Permit beantragen. Das geht grundsätzlich per Fax. Leider wollte mein Fax einfach nicht durchgestellt werden und ich war schon richtig in Panik. Aber ein Telefonat und eine Email brachten meinen Antrag dann doch noch zum Backcountry Office. Dem kam mein Plan, das ganze in 4 Tagen durchzuziehen, anscheinend sehr ambitioniert vor, so dass ich kurz danach eine Email mit einer Latte Warnhinweise der Marke „Weißt du, was du da tust und wissen das auch die, die mit dir wandern sollen?“ bekam. Dazu musste ich noch ein Informationsblatt ausfüllen. Mit genauer Angabe der Stationen, zu laufender Meilen pro Tag, der Ausrüstung, die ich mitführen werde und meiner Erfahrung, was Wüsten- und Grand Canyon-Wanderungen angeht. Normale Wanderungen zählen nicht. Zum Glück habe ich in den letzten Jahren schon ein paarmal die Wüsten wanderisch erschlossen und das Permit wurde ausgestellt.

 

Tag 1

Am 1. November stehe ich also mit gepacktem 65 l-Rucksack (wie im Infoblatt angegeben) im Backcountry Office und erkundige mich noch schnell über den Zustand der Wasserquellen. Das ist ratsam, denn gerade zu Winterbeginn werden nach und nach alle Wasserquellen auf der Nordseite abgeschaltet, damit sie nicht zufrieren. Und tatsächlich ist eine, die ich eigentlich zum Auffüllen eingeplant hatte, bereits zu. Da aber am North Rim der Bright Angel Creek fließt, mache ich mir darüber weiter keine Sorgen und steige um 8:30 Uhr in das Shuttle zum South Kaibab Trailhead.

Der South Kaibab Trail führt über 10 km und 1.500 Höhenmeter hinunter zum Colorado River und wartet mit faszinierenden Aussichten auf. Empfohlen wird er nur zum Abstieg, denn er hat keinerlei Wasserquellen und der Trail bietet keinen Schatten. Ein bisschen später als geplant geht es also los. Spät deshalb, denn der Colorado River ist heut nicht das Ziel, sondern nach weiteren rund 11 km mit 600 Höhenmetern Anstieg der Cottonwood Campground. Klingt an sich nicht viel, aber zum einen bedarf es bei steilen Abstiegen erhöhter Aufmerksamkeit und damit reduzierter Geschwindigkeit, zum anderen kenne ich mich: ich bleibe alle Nase lang stehen, um zu staunen und Fotos zu machen.

Ooh Aah!

Und tatsächlich stehe ich schon bald an dem Punkt, der vom Namen schon verrät: hier musst du gucken, staunen und Fotos machen: der Ooh Aah Point. Ja, der heißt wirklich so. Und als wäre der Ausblick nicht schon ooh aah-mäßig genug, setzt sich auch noch ein Hörnchen sehr dekorativ an den Felsabgrund. Was das Hörnchen kann, kann ich auch und tu es ihm gleich.

Weiter geht es. Die erste Muli-Herde kommt mir entgegen. Post, Lebensmittel und Gepäck der Wanderer, die „leicht reisen“ wollen, werden täglich mehrfach in und aus dem Canyon per Muli transportiert. Am Skeleton Point ziehe ich mich erstmal noch weiter aus. Es ist November, aber davon spüre ich hier nichts. In T-Shirt und abgezippter Hose geht es weiter. Schon nach der nächsten Kurve und bevor es die zahlreichen Haarnadelkurven hinunter geht, sieht man zum allerersten Mal den Colorado River… und denkt sich: noch ganz schön weit. Unten.

Nach Passieren des kleinen Rastplatzes „The Tipoff“ weiß ich gar nicht, ob ich mir zuerst rechts die Muli-Herde am Berg ansehen soll oder das wahnsinnige Panorama, welches sich unter meinen Füßen bietet. Beides ist wie aus dem Bilderbuch und ich würde hier am liebsten noch eine Weile sitzen und dieses gigantische Bild aufsaugen. Aber es ist noch weit und die Sonne geht früh unter.

Der tiefste Punkt des Canyons

Unter mir ist die Black Bridge zu sehen. Einer der zwei Brücken die hier unten über den Colorado führen. Es geht weitere Haarnadelkurven hinunter. Ich gehe durch einen kleinen Tunnel, der in den Stein gehauen ist und direkt an der Brücke endet. Ehrfürchtig betrete ich die Black Bridge und schaue über den beeindruckenden Fluss. Jahrmillionenlang hat er das geschaffen, wo ich jetzt stehe. Das türkisfarbene Wasser zieht mich magisch an. Zum Boat Beach, wo die Rafting Boote anlegen, ist es nicht weit. Die glühenden Füße werden von den Schuhen und Socken befreit und rein geht es in das eiskalte Wasser. Es ist wirklich so kalt, dass ich es nur ein paar Sekunden aushalte.

Sich vom Strand zu lösen und wieder in die schwitzigen Socken und staubigen Schuhe zu steigen, fällt mir an der Stelle sehr, sehr schwer. Wer hat nochmal diesen Plan gemacht, heute noch 11 km weiter zu wandern, wo doch gleich um die nächste Kurve so ein schöner kleiner Zeltplatz ist? Aber dafür habe ich kein Permit (beantragt), also muss es weitergehen.

Ab in die Box

Nachdem ich mit sehnsüchtigem Blick den Bright Angel Campground und die Phantom Ranch passiert habe, führt der Weg am rauschenden Bright Angel Creek direkt in die „Box“. So nennt sich die Passage des North Kaibab Trail, die sich durch enge Felsschluchten windet, die der Fluss dort hinein gewaschen hat. Immer wieder kreuzt der Trail den Creek über kleine Brücken, wo das Wasser die Seite wechselt. An einer Brücke sitzt ein älterer Herr mit Stift und Notizbuch und schreibt seine Gedanken auf. Er ist tatsächlich auch zu Fuß hier herunter gekommen und nicht wie einige Touristen, die sich auf Mulis nach unten tragen lassen und wie aus dem Ei gepellt aussehen. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die im Alter noch so fit sind und hoffe das sehr für mich.

Der Trail windet sich aus der Box hinaus in ein Tal mit kleinen Büschen, Kakteen und Gräsern. Die Sonne geht langsam unter und lässt die Felswände rot erglühen. Der Weg ist doch weiter als gedacht und langsam merke ich die Anstrengung. Wie weit es noch ist, kann ich gar nicht richtig einschätzen. Meine Fenix 5X liefert schon lange keine brauchbaren Ergebnisse mehr. Laut ihr bin ich schon über 27 km gewandert, denn sie springt auf der Karte einfach nur wild hin und her. Bei aller Eile braucht es doch noch eine kurze Pause und einen Snack. Es geht ja jetzt auch schon wieder ordentlich bergauf.

Bei jeder größeren Baumansammlung denke ich: „Jetzt bin ich gleich da! Da ist der Cottonwood Campground.“ Aber jedesmal ist es noch ein Anstieg, noch eine Kurve mehr. Die Sonne ist inzwischen mehr als weg, als ich am Horizont kleine Lichter sehe. Wanderer mit Stirnlampen. Endlich.

Ein Permit ist keine Garantie für einen Schlafplatz

Im Dunkeln nach einem freien Zeltplatz suchen ist schon schwierig. Noch schwieriger wird es jedoch, wenn bereits alle Plätze belegt sind. Wie das geht? Ja, das frage ich mich auch. Das Backcountry Office gibt nur so viele Permits aus, wie Plätze vorhanden sind. Und doch stehen auf jedem der elf Plätze Zelte. Nicht jeder hat ein gültiges Permit in die kleine Reservierungsbox an seiner Zelle gesteckt, und manch andere größere Gruppe hat sich zwei Plätze geschnappt. Und wo ein Zelt steht, baut auch keiner mehr ab. Und nun? Wild zelten geht schon deswegen nicht, weil es botanisch unmöglich ist. Auf dem großen Gruppenplatz ist noch etwas frei. Die Gruppe, die sich diesen Platz reserviert hat, ist der Retter in der Not und hat noch ein Plätzchen frei.

Völlig im Eimer wird das Zelt aufgebaut, der Gaskocher angeschmissen (mein geliebter Holzkocher ist hier leider verboten), Trekkingessen herunter geschlungen und um 20 Uhr ist bereits Zapfenstreich. Hiker midnight eben. Aber das macht auch nichts, denn morgen wird ein anstrengender Tag. Es geht hoch zum North Rim und wieder zurück. 1.350 Höhenmeter hoch und wieder runter, 11 km hin und wieder zurück. Gute Nacht!

– Tag 2 –

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