Arizona Trail – Part 4: Anderthalb Tage Lagerfeuer

August 4, 2019

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5:30 Uhr. Das Zelt ist klatschnass, innen wie außen. Das gibt es halt gratis dazu, wenn man beschließt, direkt neben einem Fluss zu zelten. Die Aussicht und die Chance auf eine weitere Körperwäsche im klaren Wasser sind es das alle mal wert. Auch heute versprechen die Temperaturen mal wieder an der 30-Grad-Grenze entlang zu schrammen. Frühes Aufbrechen ist also angesagt.

Es geht in den ersten von zwei Nationalparks, durch die der Arizona Trail führt: Saguaro Nationalpark und der atemberaubende Grand Canyon. Für beide braucht man ein Permit, eine Aufenthaltsgenehmigung, wenn man dort die Nacht verbringen will. Natürlich gibt es kein einheitliches Vorgehen für die Nationalparks, was das betrifft. So musste ich zwei Monate vor meinem geplanten Aufenthalt per Fax das Permit beantragen und den handausgefüllten Papierschnipsel persönlich im Büro für die Rincon Wilderness abholen. Das lag selbstverständlich auch nicht gleich beim Arizona Trail, so dass ich froh war, vorher mit einem Auto unterwegs gewesen zu sein.

Vom Rincon Creek wandere ich nun durch die Ausläufer des Saguaro Nationalpark und fühle mich wie in einem Kakteengarten. Wo ich hinsehe riesige Saguaro-Kakteen. In vielen von ihnen entdecke ich faustgroße Löcher, in denen die heimischen Spechte hausen. Der Trail steigt nun stetig an. Über rund 23 km werde ich heute etwa 1.500 Höhenmeter auf den Mica Mountain hochklettern. Die Sonne brennt schon um 10 Uhr und Schatten gibt es nicht, es sei denn, man stellt sich direkt hinter einen der hüttenhohen Kakteen. Erfrischung bringen einige wenige Bäche, die den Weg kreuzen und Schmelzwasser führen. Kalt und köstlich!

Meine Regel, die erste Pause nach 10 km zu machen, werfe ich diesmal über Bord, denn der Aufstieg dauert weit länger als vermutet. Hitze und Höhenmeter fordern ihren Tribut. Umso mehr freue ich mich über den kleinen Wald, der den ersten der zwei Zeltplätze im Nationalpark umgibt. Das schweißnasse Wanderhemd und -shorts werden ausgezogen und in die Sonne zum Trocknen gehängt, die Zeltunterlage auf den Boden gelegt und die Beine hoch. Es warten noch etliche Höhenmeter auf mich und kühler wird es ja auch nicht.

Der Weg wird immer steiler und es geht nur noch im Schneckentempo voran. Die Kakteen sind schon lange kleinen, krüppeligen Wacholderbäumen gewichen und diese verschwinden ebenfalls zusehends und machen Platz für große Nadelbäume. Zum späten Nachmittag wird es endlich kühler. Manning Camp, das Tagesziel, kann nicht mehr weit sein. Ich erspähe ein Zelt im Wald und grüße fröhlich. Keine Antwort aus dem Zelt, obwohl offensichtlich jemand darin herumwurschtelt. Dann eben nicht. Etwa 15 Minuten später erblicke ich die ersten Feuerstellen und Holzbänke vom Manning Camp. Nur zwei Plätze sind bislang belegt, ich habe also fast freie Auswahl. Es darf auch durchaus ein schönes Plätzchen sein, denn ich habe ein Permit für zwei Nächte und plane einen Zero Day morgen.

Zwischen vier hohen Nadelbäumen steht gegen 19 Uhr mein kleines Zelt und das Feuer wird angezündet. Feuerholz und Tannenzapfen gibt es hier massenweise, so dass das Feuer auch am nächsten Tag fast von morgens bis abends durchbrennt. Außer Wäsche waschen, kochen, relaxen und den Eichhörnchen zusehen passiert also absolut nichts. Und das ist auch mal schön so.

 

Kilometerrekord und ein magischer Abbrecher

Einen Tag faul sein hat seinen Preis. Damit mein Wander-Partner seinen Rückflug von Tucson rechtzeitig erreicht, müssen heute rund 37 km geschrubbt werden. Völlig optimistisch, denn es geht ja viel bergab, krabbel ich am Morgen aus dem Zelt und ziehe mir nicht eine, nicht zwei, sondern drei Lagen an Klamotten an. Es ist bitterkalt, nur -1 Grad. Genau so stapfe ich auch erstmal los. Nach 15 Minuten fällt die erste Schicht, nach 30 Minuten eine weitere. Sobald man wieder in Bewegung kommt, wird einem schon von ganz alleine warm.

Der Optimismus weicht recht schnell der Realität. Zwar geht es stetig bergab, der Trail ist aber so steil und mit Geröll übersät, dass ich nur mit Tippelschritten und äußerster Vorsicht absteige. Für die 10 km abwärts brauche ich fast zweieinhalb Stunden, fast genauso lange wie bergauf. Am Fuß von Mica Mountain angekommen wird es aber tendenziell flach. An einem Trailhead steht ein Van, die Tür halb offen. Jemand regt sich im Schlafsack, als wir vorbei gehen. Leise versuchen wir uns davon zu stehlen und sind schon auf der anderen Straßenseite, da ruft uns ein junger Kerl hinterher

„Are you hiking the Arizona Trail?“

„Yes, we are.“

Wir gehen wieder zurück Richtung Van und der verschlafene Kerl kommt uns entgegen. Er hätte kühles Bier und Cola im Wagen. Beides hatten wir uns aber schon von der Trail Magic genommen, die er tollerweise hinter einem Felsen im Schatten bereitgelegt hatte und lehnen daher dankend ab. Irgendwie kommt er mir bekannt vor, daher frage ich ihn nach seinem Namen. „Neemor“.

Neemor… Neemor… woher kenne ich Neemor? Dann fällt es mir ein! In diesem Jahr wird eine Dokumentation über den Arizona Trail gedreht. Davon hatte ich bei Darwin on the trail gehört und Neemor war der Kameramann. Warum er nicht mehr auf dem Trail ist, frage ich ihn. Er musste wegen Knieproblemen abbrechen und fährt nun mit seinem Van am Arizona Trail entlang und verteilt Trail Magic. Darwin sei schon in Pine. Die Dokumentation würde aber trotzdem weiter geführt werden.

Das ist bitter, denke ich und hoffe, dass mir nicht etwas ähnliches passiert. Wir verabschieden uns nach einem kurzen Schwätzchen, denn es liegt noch ganz viel Wegstrecke vor uns. Relativ geschmeidig überwinden wir die Hügel, die die Landschaft auf diesem Abschnitt prägen. Viele Disteln wachsen hier, die meisten sind größer als ich! An einem Wasserspeicher mit fragwürdiger Qualität fließt ein schmaler Bach entlang. Schmal, aber groß genug, einen laut quakenden Frosch zu beheimaten. Ein paar Wildpferde stehen in einiger Entfernung und amüsieren sich wahrscheinlich königlich, als ich bei meinem Versuch, über einen weiteren Bach zu springen, mitten hinein platsche. Was solls, die Füße werden schon trocken werden.

Inzwischen habe ich mir allerdings die Innenseite meiner Oberschenkel wund gerieben. Schweiß, Sonnenmilch und Reibung haben zu roten, brennenden Flecken auf beiden Seiten beigetragen. Die Shorts weiter hoch zu krempeln, bringt zumindest ein wenig Linderung. Die Sonne schickt sich bereits an, hinter den Bergen zu verschwinden, als es auch für uns noch einmal bergauf geht. Der letzte Anstieg vor dem Molino Basin Campground, der direkt an einem Highway liegt.

Meine Befürchtung, dass wegen der infrastrukturellen Lage bereits alle Plätze belegt sind, bestätigt sich, als wir im Stockdunkeln mit den Stirnlampen versuchen, einen freien Campspot zu finden. Aber wie schon so häufig trifft auch diesmal der Spruch „the trail provides“ zu. Ein paar Camper haben zwei Spots besetzt, brauchen an diesem aber nur einen. Nach rund 37 km Rekordstrecke bin ich darüber mehr als glücklich. Danke, Arizona Trail. Auf dich ist immer Verlass.

 – Weiter zu Part 5 –

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