Langstreckenwanderer zahlen in Deutschland drauf

August 9, 2018

Appalachian Trail, Pacific Crest Trail, West Highland Way… das sind nur einige wenige bekannte Wanderwege, die man durch ihre schiere Länge von etwa 100 bis weit über 3.500 km als Langstreckenwanderweg (Long distance trail) bezeichnet. Diese Wege werden jährlich von tausenden ambitionierter Wanderer begangen, entweder sektionsweise oder sogar von Anfang bis Ende in einem Rutsch, dem sogenannten Thru Hike. Die Kultur des Langstreckenwanderns kommt wie so vieles aus den USA, denn hier finden sich die meisten und auch berühmtesten Long distance trails, deren Beliebtheit immer weiter steigt.

Die Amerikaner lieben ihre Thru Hiker und so erfahren diese ein hohes Maß an Unterstützung von ehemaligen Weitwanderern oder ganz normalen Leuten, die einfach gern bei der Herausforderung helfen. Trail Angels werden sie genannt, die Leute, die völlig selbstlos am Wanderwegesrand stehen und Softdrinks und Wasser verteilen, Pfannkuchen backen oder ganze Menüs für die vorbeikommenden Wanderer zubereiten. Sie bieten ihre Häuser oder Gärten zur Übernachtung an, lassen die Wanderer duschen, ihre Wäsche waschen und sich von und für die nächsten Strapazen zu erholen. Diese Art der selbstlosen Freundlichkeit nennt sich „Trail Magic“.

Unterkünfte am Appalachian Trail und dem Pacific Crest Trail bieten für Thru Hiker spezielle Sonderangebote an und nicht selten werden die Wanderer auch von lokalen Restaurants oder Imbissen auf eine Mahlzeit eingeladen. Zum Dank dafür wollen die Einladenden meist nur die spannendsten Geschichten der Wanderer hören und erzählerisch ein Stück mitgenommen werden.

Und in Europa?

Am Beispiel von Schottland lässt sich erkennen, dass die Kultur, sich um seine Langstreckenwanderer zu kümmern, sicher nicht so ausgeprägt sein mag, wie in den USA. Dennoch erlebt man hier als Wanderer eine Wertschätzung, die so nicht selbstverständlich ist.

Mitten am Wegesrand steht auf einmal eine große Kühltruhe voll mit Getränkedosen und Schokoriegeln. Daneben ein Stuhl zum Ausruhen. Eine Szene, wie man sie am West Highland Way findet. Dass die „Honesty box“ um 1 Pfund je Entnahme bittet, ist für die Mühe nur zu fair. Manch ein Wanderer würde an dieser Stelle auch 10 Pfund für eine Fanta zahlen.

 

Die Mountain Bothy Association unterhält zudem über ganz Schottland verteilt kleine rustikale bis große, fast luxuriös anmutende Berghütten, die Bothies, die einzig und allein den Wanderern zur Verfügung stehen. Mit Kamin, Tisch, Stühlen und Schlafplattformen als Mindestausstattung sollen sie sich aufwärmen, ihre nassen Sachen trocknen und in Ruhe schlafen können, ohne wie jeden Tag ihr Zelt in der Wildnis aufstellen zu müssen. Und das alles gratis. Eine Spende erfolgt auf vollkommen freiwilliger Basis, die ich als dankbarer Langstreckenwanderer gern für diese Wertschätzung vornehme.

 

Und in Deutschland?

Erst Ende April 2018 wurde in Deutschland ein neuer Langstreckenweg eingeweiht: der Forststeig Elbsandstein. Rund 100 km führen auf und ab über Tafelberge durch das Gebiet der Sächsischen Schweiz, welches noch urtümlich und wenig begangen ist. Zielgruppe sind erfahrene Backpacker, die sich der Herausforderung von 13 Tafelbergen in schwierigem Terrain stellen wollen.

Hierfür wurden Trekkinghütten und Biwakplätze hergerichtet, denn wild Zelten ist am Forststeig wie fast überall in Deutschland nicht erlaubt. Schon allein dieser Fakt verleidet es dem Backpacker, in Deutschland seinen Trekkingrucksack aufzuschnallen, denn wer möchte schon jede Nacht in eine Pension, Jugendherberge, Hotel oder einen der typisch deutschen parzellierten Campingplätze einkehren? Dagegen kommen die Biwakplätze und Trekkinghütten schon ganz gelegen. Letztere sind ausgestattet wie die schottischen Bothies, jedoch wird für jede Nacht eine Gebühr von 10 € fällig. Auf den Biwakplätzen sind es immerhin noch 5 €. Schenken tut man den Wanderern hier nichts.

Stinkende Wanderer zahlen mehr!

Überrascht ist man als Wanderer des Forststeigs, wenn man auf dem nahegelegenen Campingplatz Nikolsdorfer Berg ankommt. Eine Übernachtung kostet hier inklusive Dusche pro Person 5,60 €. Für ein Zelt werden 4,50 € fällig. Schaut man sich die Preisübersicht weiter an, findet sich eine Sonderposition für „Forstwegwanderer 1P/1Zelt“ für 16,00 €, also fast 6 € mehr als für eine „normale“ Person. Da fragt man natürlich nach.

 

Nach eigener Aussage der Betreiber würden die Forststeigwanderer ja deutlich mehr stinken als normale Gäste. Sie duschen viel länger, waschen ihre Wäsche in der Dusche und nutzen immens viel Strom.

Dabei sind es genau die Langstreckenwanderer, für die jedes Gramm zählt. Sie schleppen keine Wäscheberge mit sich herum, sondern tragen in der Regel genau ein Shirt, eine Hose, Unterwäsche, eine Jacke und 1-2 Paar Socken. Ein Langstreckenwanderer hält sich nicht lange mit „Stromklau“ auf. Für ihn ist einzig und allein wichtig, dass sein Handy zum Navigieren und zur Kommunikation funktioniert, ggf. wird noch eine leichte Powerbank aufgeladen. Danach verschwindet jeder Forststeigwanderer frühzeitig zum Schlafen im Zelt. Würden sich die Betreiber mit ihrer Kundschaft beschäftigten, wüssten sie das.

Auf seiner Website bewirbt der Campingplatz im Übrigen das Wäschewaschen auch am Geschirrspülbecken und Handwaschmöglichkeit mit Wäschewaschen für Kleidung als besonderen, im Preis enthaltenen, Service für alle.

Langstreckenwandern – ein weiter Weg für Deutschland

Deutschland hat sich auf den Weg zu mehr Attraktivität für Langstreckenwanderer gemacht, steht jedoch noch ganz am Anfang dieses Unterfangens. Die Etablierung des Forststeigs ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Und auch in Nordrhein-Westfalen gibt es erste gute Ansätze, ein naturnahes Trekking im eigenen Zelt zu ermöglichen, welches dem Konzept der Nationalparks in den USA ähnelt.

Solange jedoch sportliche, die Natur genießende Langstreckenwanderer als stinkende Gäste gesehen werden, die durch den Aufwand, den sie verursachen, tiefer in die Tasche greifen müssen, als solche, die frisch gewaschen mit dem Auto anreisen, ist und bleibt die Kultur zu einer Wandernation auf der Strecke.

You Might Also Like