Airport Night Run – Mein erster „Job“ als Personal Pacemaker

April 14, 2017

Der Airport Night Run von Berlin läuft ist mein absoluter Favorit für das Aufstellen von Bestzeiten. Und so sollte es auch diesjahr wieder um das Jagen nach Bestzeiten gehen. Nur diesmal nicht meine eigene. Beim Gipfelstürmer hatte ich der lieben Miri angeboten, sie beim anstehenden 10 km-Wettkampf als Häschen zu ziehen. Personal Pacemaker sozusagen. 58 Minuten bot ich großspurig an. Erst ein paar Tage danach machte ich mir Gedanken. Was, wenn ich zu dem Zeitpunkt verletzt sein sollte? Verschnupft? Selbst nicht in der Lage, eine solche Zeit zu laufen? Eine gewisse Verantwortung kommt mit so einem Angebot. Freiwillig oder nicht, gerade Freunde sollten sich dann auf einen verlassen können. Berlin läuft Pacemaker

Umso glücklicher war ich, dass Murphy sich diesmal zurück gehalten hatte. Keine Zipperlein, keine triefende Nase, nur noch rudimentärer Husten und leistungstechnisch war ich auch optimistisch, ein gutes Häschen abzugeben. Um halb sieben stehen wir also auf dem Gelände des Flughafens, der am meisten zur alljährlich letztmalig stattfindenden Laufveranstaltung frequentiert wird. Während wir eine richtig offizielle Pacemakerin in unserer Mitte haben, die mit dem Halbmarathon schon weit vor uns starten wird, haben wir noch eine Menge Zeit, um Panik zu schieben. Ob die 58 Minuten heute wirklich machbar sind, ist fraglich. Aber ich hatte die arme Miri bereits übers Verteilen einschlägiger Kommentare in ihrem Facebook-Account darauf vorbereitet, dass nix an der Bestzeit vorbeiführt. Mein Ehrgeiz ist geweckt.

Mit 10 Minuten Verspätung starten wir. Die Strecke wurde 2016 geändert und da ich 2016 nicht gelaufen war, ist für mich unbekannt, was da wohl kommt. Jetzt wird sowieso nur noch auf die Zeit und Miri konzentriert. Meine eigene Zielzeit ist dabei völlig nachrangig. Und das muss sie auch sein, wenn man jemand anderen pacen möchte. Dessen muss man sich bewusst sein, selbst wenn man meint, heute besonders fit und gut drauf zu sein. Los gehts und ich schlage gleich beim ersten Kilometer eine Durchschnittspace von 5:48 Min/Km an. Das Feld zieht sich recht schnell auseinander. Hinter mir traben fleißig Astrid, Miri und Martin. Etwa drei Kilometer geht das auch gut. Immer wieder drehe ich mich um, um sicherzugehen, dass mein Schützling noch da ist. Bei Kilometer 4 merke ich aber: Miri wird das Tempo nicht über die gesamte Distanz durchhalten. Ich bleibe weiter vorne, reduziere aber die Geschwindigkeit. Wir liegen gut in der Zeit, um trotzdem noch eine passable Bestzeit hinzulegen.

Nach 5 km komme ich kurz zu Miri nach hinten. Die Hälfte ist schon vorbei und sie schlägt sich super. Martin bleibt stets an ihrer Seite, was ihr genug Druck macht, um nicht wieder in die Komfortzone zu verschwinden. Für mich ist das heute ein Lauf der ganz anderen Art. Entspannt. Zeit, mal rechts und links zu schauen, mit anderen zu quatschen. Wen man nicht unterwegs alles trifft! Alle hundert Meter schaue ich aber spätestens wieder nach hinten. Miri schnauft und kämpft. Ich bin stolz auf sie. Immer mal wieder ein Blick auf die Uhr. Sie nicht. Muss sie auch nicht, denn dafür bin ich ja heute da. Für sub 1 h wird es nicht langen, aber das ist auch nicht nötig. Unter 01:03:00 will ich sie aber ziehen. Ein bisschen muss noch gekämpft werden. „Nur nicht aufgeben, Miri!“, denke ich mir. „Das schaffst du!“

Der letzte Kilometer. Jetzt laufe ich zurück zu Miri. Auf den letzten Metern bleibe ich direkt an ihrer Seite, sage ihr alle hundert Meter, wie weit es noch ist. Ein bisschen Kraft ist noch übrig und die bringt sie auf. Noch hundert Meter. Ich nehme sie an die Hand und ab geht es ins Ziel. Vorbei. Mit einer Wahnsinns-Bestzeit von 01:01:08 h läuft Miri damit ihren bislang schnellsten 10er. Und ich bin mir ganz sicher, es war nicht der letzte.

Bei mir wäre auf jeden Fall mehr drin gewesen, aber Bestzeit? Keine Ahnung. Letztendlich ist die Zeit sowieso nur für eine(n) wichtig: für sich selbst. Kein Hahn kräht ein paar Tage später mehr danach. Aber einem Menschen genau zu diesem Ziel verholfen zu haben, hat mich an diesem Tag glücklicher gemacht, als ein paar Minuten oder Sekunden meiner eigenen Zeit. Und wer weiß, wann ich selbst wieder jemanden brauche, der mich wieder ins Ziel zieht… zu meiner eigenen, an sich völlig unbedeutenden, Bestzeit.

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