Arizona Trail: Part 5 – Die Geschichte vom 1. April

April 8, 2019

Zwei Wochen auf dem Arizona Trail verliefen mit viel Spaß, Anstrengungen und bombastischen Eindrücken, aber dennoch harmlos. Das sollte sich alles schlagartig ändern.

Die ersten Schritte solo. Ich hatte geplant, das regelmäßig verkehrende Shuttle zurück zu dem Punkt zu nehmen, an dem ich den Arizona Trail über den Sabino Canyon für eine Nacht verlassen hatte. 12:30 Uhr. Die Fahrten für 13:00 und 13:30 Uhr sind bereits ausverkauft. 14:00 Uhr ist keine Option für mich. Ich warte doch keine anderthalb Stunden auf ein Shuttle. Also mache ich mich zähneknirschend auf den Weg, die 6 km auf der heißen, sonnigen Straße zu Fuß zu bestreiten. Die Straße führt an einigen Stellen über einen Fluss, der so weit angeschwollen ist, dass er die Straße überflutet. Ohne meine Schuhe auszuziehen, renne ich durch diese Überflutungen. Zwei an der Zahl. Die Schuhe werden schon trocknen. Etwa einen guten Kilometer später ist es mal wieder Zeit für ein Foto. Ich lange nach dem Handy. Es ist nicht da, wo es sein sollte. Zweifel. Hab ich es woanders hingepackt? Nein. Es müsste in meiner Hüftgurttasche vom Rucksack sein. Böse Ahnungen steigen in mir auf. Wenn es nicht da ist, wo kann ich es verloren haben? Die einzige logische Erklärung: als ich über die Straße gerannt bin, muss es aus der Tasche gefallen sein.

Wie eine Wahnsinnige renne ich in der Hitze zurück, fragen jeden, der mir entgegen kommt, ob er ein Handy gefunden hat. Nein. Ich renne weiter mit böser Vorahnung, denn inzwischen kommt mir auch der ausgebuchte 13 Uhr-Shuttlebus entgegen, der über die schmale Brücke fährt… und mein Handy zu Brei. An der Brücke angelangt steigt die Verzweiflung. Kein Handy zu sehen. Die Leute haben schon Mitleid mit mir, denn ich erzähle jedem, dass ich ohne das Telefon nicht weiterwandern kann. Alle Wasserressourcen, Wege und Informationen zum Arizona Trail sind darauf. Ich schaue den Wasserfall hinunter, wo sich das Wasser von der Straße hinab ergießt. Kann die Strömung tatsächlich das Handy dort herunter gespült haben? Weinend stehe ich auf der Brücke und schaue in das Wasserbecken, welches der Fluss in das Gestein gewaschen hat.

 

Ich sehe mich schon nach Tucson zurückkehren und ein neues Telefon kaufen. Aber ich habe noch eine geringe Hoffnung. Also setze ich den Rucksack ab und klettere den Wasserfall hinab. Mit beiden Händen wühle ich im Wasser, denn durch die Strömung sehe ich nicht wirklich, was sich darunter befindet. Ich bin schon patschnass, Hemd, Shorts, Schuhe und die Leute von oben schauen, was die arme Irre dort tut. Kein Handy. Ich laufe von vorn nach hinten und wieder zurück, gehe näher an das nächste Becken. Dort, in etwa 40 cm Tiefe liegt mein Handy! Ich hole es wie Gollum seinen Ring eilig aus dem Wasser… und es ist an. Komoot trackt in aller Ruhe weiter. Triefend klettere ich aus dem Wasserfall und hole das Telefon rasch aus der Hülle, denn es ist ein wenig Wasser eingedrungen. Ich versuche meine Erleichterung in Grenzen zu halten, denn wer weiß, ob es nicht doch Schaden genommen hat. Das Telefon sicher in der Tasche verstaut mache ich mich wieder auf den Weg. Ohne zu rennen.

Nun demselben Trail folgend, auf dem ich den AZT verlassen hatte, steige ich wieder auf in die Santa Catalina Mountains. Steige, bzw. falle, den ich bleibe mit meinem Fuß an einem Stein hängen und falle nach vorn. Autsch. Der Zeh fühlt sich nicht gut an. Betrübt und verärgert über die Situation und meine eigene Dusseligkeit beschließe ich, heute doch an der Stelle zu campen, die ich ursprünglich geplant hatte. Angesichts der frühen Zeit hatte ich überlegt, weiter zu wandern, aber die Sache mit dem Shuttle, meinem badenden Handy und nun der Sturz sind Zeichen genug für mich, nicht weiter zu gehen.

 

Search and Rescue

Es sind nur wenige Kilometer entlang des Arizona Trail, die mich zu Hutch’s Pool führen, einem natürlichen Wasserbecken mitten im Canyon, in welches sich ein rauschender Wasserfall ergießt. Baden war ich ja nun, also baue ich mein Zelt auf. Kurz vor Hutch’s Pool kommt mir ein junger, kräftiger Schwarzer entgegen, hinter ihm zwei junge Mädels. Da ich mich gerade über einen Fluss gekämpft habe und aus dem Gestrüpp komme, grüße ich nur kurz. Die Mädels meinen, da seien noch zwei Ladies bei Hutch’s Pool zum Campen und ich würde nicht alleine sein. Tatsächlich kommen die beiden älteren Ladies gerade vom Baden zurück als ich mein Zelt aufstelle. Wir reden kurz und sie laden mich ein, bei ihnen vorbeizuschauen, wenn ich Lust habe. Da ich noch etwas frustriert bin vom Verlauf des Tages, sage ich noch nicht fest zu.

 

Alleine im Zelt zu hocken, ist auch keine Lösung, denke ich, schnappe mir meinen Tunfisch und wandere kurz eine Bucht weiter zu den beiden. Laura und Beryl haben sich die zwei Tage Zeit genommen, um hierher zu wandern und die Nacht in der Natur zu verbringen. Während wir über Bärenkanister und den Arizona Trail quatschen, kommt auf einmal der junge Schwarze ins Camp gestolpert, zwei Stunden, nachdem ich ihn gesehen hatte. Völlig aufgelöst erzählt er uns, er habe nur mal zum Pinkeln angehalten, dann waren seine Begleiterinnen weg und er habe den Weg aus dem Canyon nicht mehr gefunden. Er verrät uns seinen Namen: Jonathan. Laura gibt ihm eine Papierkarte der Gegend mit detaillierten Instruktionen, wann er wo abbiegen und auf was er achten muss. Wir geben ihm gefiltertes Wasser und fragen ihn, ob er noch genug Batterie auf dem Handy hat, denn in einer halben Stunde würde es dunkel. Falls er den Weg wieder nicht finden könne, solle er bitte zu uns zurückkehren. Er bedankt sich höflichst und macht sich eilig wieder auf den Weg.

Nach kurzer Bedenkzeit machen Laura und Beryl sich auf, ihn aus dem Canyon zu begleiten, kommen jedoch nach 10 Minuten wieder, da er bereits über alle Berge ist. Wir setzen uns diesmal bei meinem Zelt zusammen, trinken Tee und reden. Es ist stockdunkel und gut anderthalb Stunden vergangen, da sehe ich in der Ferne ein Licht. Ist das ein später Thruhiker? Wir gehen Richtung Haupttrail und rufen, denn der Seitenweg zum Pool ist nicht leicht zu finden. Schlotternd und fix und fertig kommt Jonathan aus dem Dunkel gestürzt. Er konnte den Abzweig zum Sabino Canyon wieder nicht finden, sei mehrfach durch Flüsse gestolpert und habe aus Furcht eine Klapperschlange auf dem Trail mit einem Stein erschlagen. Wir beruhigen ihn erstmal, sind froh, dass er zurückgekommen ist und versprechen ihm, dass Laura und Beryl ihn am Morgen aus dem Canyon begleiten würden. Die Nacht über solle er bei uns bleiben. Ich nehme Beryl in meinem Zweimann-Zelt auf, damit Jonathan ein Dach über dem Kopf hat. Wir geben ihm Essen, Schlafsack-Inlays und Sitzkissen als Isomatte, eben alles, was wir entbehren können, und wünschen ihm, dass er ein wenig schlafen kann. Gegen 21 Uhr verschwinden wir alle in den aufgeteilten Zelten.

00:30 Uhr. Ohrenbetäubender Lärm über meinem Zelt und es wird gleißend hell. Ein Helikopter fliegt nur knapp über uns herüber. „Oh nein, sie suchen ihn“, meint Beryl nur trocken. Ich kann das noch nicht ganz glauben, es sind doch erst ein paar Stunden vergangen. Der Heli kommt wieder. „Wir suchen nach Jonathan W.“, dröhnt es aus dem Heli durch die Nacht. Sie hat wohl recht. „Das geht jetzt die ganze Nacht so“, meint sie. Der Heli dreht wieder, ruft wieder den Namen aus. Keine Ahnung, welche Reaktion sie erwarten. Ich klettere aus dem Zelt und sehe, wie Jonathan mit seinem Handy Lichtsignale nach oben gibt.

Ok, denke ich, ich kann mit meinem InReach Kontakt zur Search and Rescue-Dienst aufnehmen und Ihnen mitteilen, dass er bei uns ist. Nach kurzer Rücksprache mit ihm mache ich einen SOS-Ruf auf, bekomme Bestätigung und werde per Nachricht gefragt, um welchen Notfall es sich handelt. Ich schreibe ihnen, dass sie gerade mit einem Heli in den Catalina Mountains nach einem Jonathan W. suchen und er bei uns ist.

Ob er krank oder verletzt sei, werde ich gefragt. Ich verneine und verneine auch die Frage, ob wir denn noch Notfallservices brauchen. Wir würden ihn am Morgen begleiten. Damit ist der Kontakt beendet.

Jonathans Zelt ist derweil zusammen gebrochen und er zittert am ganzen Körper. Ich beschließe, meinen Holzkocher anzureißen und ihm heißen Tee zu kochen. Während wir nun mitten in der Nacht inzwischen zu viert am Feuer sitzen (Laura und Beryl sind natürlich auch wach), verschwindet der Heli und es kehrt Ruhe ein im Canyon. Um 1 Uhr legen wir uns alle wieder schlafen. Endlich. Die Sache scheint abgehakt.

01:20 Uhr. Ein Lichtstrahl trifft mich im Gesicht. Rufe. „Jonathan! Jonathan!“ Das kann doch nicht sein. Ich krabbel wieder aus meinem Zelt. Beryl dreht sich um. Sie hat keine Lust mehr auf den Zirkus. Das Licht und die Rufe kommen vom Trail. Ich gehe ihnen entgegen und rufe: „Wir sind hier!“ Drei junge Männer und eine Frau kommen mit schwerem Gepäck entgegen. „Wir sind Search and Rescue und suchen Jonathan.“ Ich frage sie, ob sie meine Nachricht bekommen haben. Sie bejahen und bedanken sich, denn so wurde ihnen die genaue Position übermittelt, wo sie hinmüssen. Sie hätten sich sonst aufgeteilt. Ich bringe sie zu Jonathan, der ein paar Fragen beantworten muss, ob er Durst hat, Hunger etc. und sie fragen uns kurz zu den Umständen. Nachdem alles geklärt ist, lassen sie ihm keine Wahl, die Nacht hier zu verbringen. Sie geben ihm eine Jacke, Energiedrink, nehmen ihn in die Mitte und wandern nachts um 2 mit ihm durch das Dunkel weg. Armer Kerl. Als ob er nicht schön genug durch die Nacht gelatscht wäre. Meine Vermutung aber, dass wenn jemand einen Such- und Rettungsdienst beauftragt, dieser den Gesuchten auch bergen bzw. zurückbringen muss. Egal, um welche Uhrzeit. Laura und ich werten das Ganze noch kurz aus und sagen erneut gute Nacht. Es ist ja nicht mehr viel davon übrig.

P. S. Nichts davon ist ein Aprilscherz…

 – Weiter zu Teil 6 –

You Might Also Like