Arizona Trail – Hoch hinaus

April 3, 2019

Zero Day

Heute ist Entspannungstag. Außer zum Essen und Vorräte auffüllen wird heute nicht gelaufen und meine Füße dürfen ein wenig heilen. Zum Frühstück geht es in ein süßes Café gleich um die Ecke. Kaum am Tisch angekommen höre ich „Hi Carola!“ Da sitzt Emilie. Emilie, die gestern Patagonia verlassen hatte. Sie erzählt, dass sie kaum noch laufen kann. Sie hat ein riesige Blase am großen Zeh, die furchtbar schmerzt und erst behandelt werden muss, bevor sie weiterläuft. Und sie erzählt von ihren letzten drei Tagen. Gleich, nachdem sich unsere Wege getrennt hatten, habe sie sich so sehr verlaufen, dass sie von der Border Patrol zum Trail zurückgefahren werden musste. Dann sei ihr am nächsten Tag das Wasser ausgegangen und sie musste bei einem privaten Wassercache klauen. Soviel zur Frage, ob sich nicht jemand anderer bedient. Dann sei sie mit dem Fuß gegen einen Stein getreten, weswegen sie kaum noch gehen könne. Sie würde heute von jemandem in den nächstgrößeren Ort gefahren werden, um den Zeh zu behandeln und dann weiterwandern. Als ich sie aufstehen und gehen sehe, habe ich so meine Zweifel an dem Plan.

Den Abend verbringe ich in dem winzigen, mit einem Kaninchendraht umzogenen Vorgarten vor dem ausgebauten Trailer, den ich für die Nächte gebucht hatte. Das einzige Hotel in Patagonia war schon seit Monaten ausgebucht, aber darüber bin ich nicht traurig, denn der Trailer ist für mich perfekt. Nebenan ragt ein großer Baum über die Straße. In ihm mindestens 40 Geier, die sich dort zur Nacht einfinden. Der Host gibt mir am Nachmittag seine Telefonnummer. Für etwaige illegale Aktivitäten oder andere Probleme, wenn ich alleine bin.

Arizona und seine Berge

Nach einem Tag ohne Trailkilometer geht es um 8 Uhr morgens auf die nächste harte Etappe. Laut Komoot sind 880 Höhenmeter über 25,6 km zu bewältigen. Allerdings basiert diese Berechnung auf der Originalroute. Durch Minenarbeiten ist die Straße, auf der der Arizona Trail sonst entlang führt, gesperrt und der Trail verlegt. Die Umgehung führt über kleine Kämme, Flussbetten, am Ende durch Gestrüpp und ist mal eben 2 km länger als das Originalteilstück, mit etlichen Höhenmetern mehr, versteht sich. Bis zur Pause an einem kleinen Bach laufen wir zusammen mit einer vierköpfigen amerikanischen Familie, die eine Wochenendwanderung unternimmt. Da der mutmaßlich fiese Berganstieg noch bevor steht, verabschieden wir uns von ihnen und verabreden uns: „Wir sehen uns an der Bear Spring,“ dem von mir geplanten Zielort.

Was folgt, ist ein Anstieg in die Santa Rita Mountains, der sich gewaschen hat. In der brütenden Mittagshitze geht es eine Schotterstraße hinauf, auf der sicher schon lange kein Auto mehr fuhr, mit teilweise 15 % Steigung. Solche „Straßen“ bestehen hier hauptsächlich aus Gesteinsbrocken und mehr oder weniger feinem Geröll.

Wie eine Schnecke kämpfe ich mich Meter für Meter voran. Mehr als vier Stunden geht es nur bergauf. Irgendwann verlässt der Arizona Trail die Schotterstraße und es geht einen kleinen Pfad hinauf zum Bergsattel. „Der arme Bob“, denke ich mir, wie soll der das nur schaffen mit seinen 62 Jahren und nicht mehr ganz so frisch. Für mich ist der Bergpfad die verdiente Belohnung für die Straßentortur, meinetwegen möge er nie enden. Kurz nach 17 Uhr sehe ich endlich das erlösende Metallschild zur Bear Spring. Aus einem Rohr tröpfelt das Quellwasser in einen riesigen, moosüberzogenen Metallbottich. Der rauschende Bach, der von der Schneeschmelze angetrieben wird, ist um ein vielfaches attraktiver und gleich daneben befindet sich ein Platz für ein kleines Zelt. Perfekt!

Als ich anderthalb Stunden später Tannenzapfen fürs Lagerfeuer oberhalb der Quelle sammele, kommt das erste Mitglied der Familie endlich an. Nur mit Not und weil es keine Alternative gab, haben sie sich bis hierher geschleppt. Und schaffen es gerade noch 400 Meter bis zur nächsten Campmöglichkeit.

„Du bist aus Deutschland!“

Um 6:22 Uhr bin ich pünktlich zum Sonnenaufgang wach, wie jeden Morgen. Los geht es trotzdem wieder erst gegen 9 Uhr. Unglaublich, wieviel Zeit man morgens verplempern kann. Aufwachen, bei der Kälte (5 Grad) nicht aus dem Schlafsack wollen, Morgentoilette, Feuer machen für Kaffee und Porridge, frühstücken, Sachen packen, Zelt abbauen, aus den Schlafsachen schälen, Haar kämmen und flechten, mit Sonnencreme einschmieren, alle Geräte auf Tracking einschalten. Das dauert seine Zeit. Wenn dann noch der Faktor dazu kommt, diesen wunderschönen Ort nicht verlassen zu wollen, streckt sich der Prozess gern noch mehr.

Nach etwa 5 km taucht die vierköpfige Familie wieder vor uns auf. Wir beschließen, die letzten 5 km Ihrer Tagesetappe zusammen zu laufen und schwatzen über allerlei Outdoorkram. Unterwegs treffen wir einen Tageswanderer. Ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben, sagt er zu mir:

„You are from Germany!“

Ja. Sicher. Aber ist das so offensichtlich, wenn ich nur einfach rumstehe?

„I follow your journey on Instagram!“ Ah, jetzt wird’s mir klar und ein wenig peinlich ist mir das auch. Auf einmal bin ich der Instagram-Star in der Gruppe.

Als sich die vier Amerikaner verabschieden, geben sie uns noch ein paar warnende Hinweise. Der nächste Abschnitt sei sehr trocken, kein Wasser und es würde die nächsten Tage ungewöhnlich heiß werden. Sie geben uns ihre Telefonnummern, falls irgendwann irgendwelche Schwierigkeiten auftreten sollten. Man würde schon oft genug von toten Wanderern in dem Gebiet lesen. Wir nehmen die Kontakte gern an, ich verabschiede mich aber mit den Worten, dass ich mich von der Utah-Grenze melde.

Nach einer mittellangen Pause und Wasserfilteraktion geht es weiter. Mal geht es die Hügel hoch, dann wieder runter, durch viel Graslandschaften, aber auch zunehmend mehr Kakteen. Der Arizona Trail führt zum Kentucky Camp, ein paar Gebäuden, die noch aus der Goldschürferzeit stammen und heute als primitive Unterkunft gebucht werden können. Zwei Wanderer sitzen gerade hier, reden Deutsch. Ich frage sie, ob sie aus Hamburg sind und ihr Wasserfilter kaputt ist. Verblüfft schauen sie mich an. Jaja, Facebook. In der Gruppe der diesjährigen Arizona Trail-Wanderer hatte ein anderer Thruhiker über die beiden berichtet. Sie würden die Nacht hier verbringen und morgen weiter gehen.

Unser Ziel für heute ist Bowman Spring, eine fragwürdige Wasserquelle abseits des Trails, aber laut App die einzige. Vorbei an Kühen, Viehtränken und die Berge hinter uns lassend streifen wir weiter durchs Grasland über steinige Pfade. Die machen meinen Knöcheln ab 25 km so zu schaffen, dass die letzten Kilometer keine Freude mehr sind. Umso grandioser ist die die Entdeckung eines kleinen Canyons mit einem leicht fließenden Bächlein mit einem wunderschönen Campspot im Grasland 1,3 km vor dem geplanten Ziel. 1,3 km sind in diesem Zustand Welten!

20:30 Uhr und ich kann nicht einschlafen. In einiger Entfernung sitzt ein Nachtvogel im Baum und hält mich wach. Alle zehn Sekunden ertönt ein „Hihihihihi“ aus der Richtung und ich kann nicht aufhören, dem zu lauschen. Außerdem schmerzen meine Füße selbst im Liegen noch unglaublich. Eine halbe Stunde später ist der Vogel weg und ich schlafe mit einer Ibuprofen glückselig zum Plätschern des Rinnsals ein.

You Might Also Like