Laufen im Ausland: Warum mich Medical Certificate und AirBnB fast zum Heulen gebracht haben

Januar 31, 2016

paris_triumphbogen

In Deutschland gibt es einfach nicht genug Laufwettkämpfe *hust*. Schon gar nicht Marathons. Und weil ich schon soviele davon gelaufen bin (keinen!), wusste ich, ich muss ins Ausland schweifen. Auf der Suche nach einem Frühjahrs-Marathon landete ich schnell auf der Seite von Paris. Einen Startplatz für 2016 in der ersten Anmeldewelle im April 2015 zu ergattern, war noch das unkomplizierteste an der Organisation. 80 € bezahlt, Startnummer schon fix. Das war ja einfach.

Der Ärger fing in dem Moment an, als ich mir das Procedere zum Abholen der Startunterlagen durchlas. Ein Medical Certificate müsse bei der Abholung vorgelegt werden. Sonst gibt es keine Startunterlagen und folglich keine Teilnahme. Per Gesetz sind Teilnehmer von Laufwettkämpfen in Frankreich (und Italien) verpflichtet, ein ärztliches Dokument vorzulegen, das folgendes bescheinigt: „no contra-indication to running in competition“, also keine Gegenanzeigen für die Teilnahme an Laufwettkämpfen. Das Zertifikat darf zudem nicht älter als ein Jahr sein.

Wenn Du gesund bist, kannst du noch lange nicht an Wettkämpfen teilnehmen

Gut, dachte ich, ruf ich mal meine Hausärztin an. Die kennt mich ja schließlich. Schade nur, dass die sich gerade ein Jahr Auszeit von ihrem Job genommen hat. Was nun? Mit solch einem Anliegen zu einem Arzt gehen, bei dem Du noch nie warst? Ungünstig. Im Oktober stand sowieso mein 2-Jahres-Check up an. Mit Blutuntersuchung, Herz abhorchen und allem PiPaPo. Perfekt! Und so vereinbarte ich einen Termin für den Check up bei meinem ehemaligen Hausarzt, bei dem ich die Jahre zuvor gewesen war.

Die Ergebnisse des Check ups waren da. Heiß erwartet von mir. Ich hatte einen Termin, um diese mit meinem Arzt durchzusprechen. Der war sichtlich zufrieden mit meinem Körper. Blut, Herz, sonstige Innereien… alles wunderbar. Also erzählte ich ihm vom Marathon und zog dabei mein ausgedrucktes Medical Certificate aus der Tasche. Das interessierte ihn aber gar nicht. Es interessierte ihn auch nicht, ob und wie lange ich schon laufe. Er fragte nicht, wieviele Wettkämpfe und Halbmarathons ich schon gelaufen sei. Ob ich trainieren würde. Nichts.

„Das soll ich Ihnen unterschreiben?“ fragte er stattdessen.

„Nein, das traue ich mich nicht. Nachher kippen Sie dann da um und verklagen mich.“

Nachdem ich ausgiebig dargestellt hatte, dass ich eigentlich laufen und nicht Ärzte verklagen wollte, ging es weiter:

„Laufen Sie doch lieber noch ein paar Halbmarathons und kommen nächstes Jahr für 2017 wieder.“

Ich erläuterte, dass ich für 2016 einen Startplatz in Paris habe. 2016! Nicht 2017. Dass ich schon trainieren würde. Eine Unterkunft hätte. Flüge gebucht.

„Nein, das unterschreib ich Ihnen nicht. Das traue ich mich nicht. Berlin ist doch sowieso viel schöner. Laufen Sie doch den Marathon in Berlin.“

Ich saß da vor ihm. Wie ein Häufchen Elend in meinem Sessel. Ich merkte, wie meine Augen sich mit Tränen füllten. Aber die Blöße wollte ich mir nicht geben. Ich war kurz vorm Betteln. Nein, die Grenze hatte ich schon überschritten. Aber seine Argumente ließen sowieso nur den Schluss zu, dass es hier nicht um meine Teilnahme an einem Marathon geht. Er hatte einfach keine Lust, Verantwortung zu übernehmen, obschon meine Testergebnisse tadellos waren. Nicht einmal die Teilnahme an einem 5 km-Lauf hätte er mir attestiert. Am Boden zerstört verließ ich seine Praxis.

Ein Orthopäde mit (Läufer-)Herz

Bis Mitte Dezember ließ ich mir für einen neuen Anlauf Zeit. Ich war alle möglichen Optionen durchgegangen und zu dem Schluss gelangt, es bei meinem Orthopäden, seines Zeichens selbst Läufer und Sportarzt, zu versuchen. Auch der kennt mich schon jahrelang. Hatte mich immer krank geschrieben, damit ich nicht mit der Jungs aus meiner Ausbildung Fußballspielen muss. Mit Kreuzbandriss macht man sowas ja auch nicht.

Und so saß ich wieder auf einem Patientenstuhl, mein Medical Certificate in der Tasche. Und die Untersuchungsergebnisse meines Check ups. Die hatte ich mir noch vom (All-)gemeinarzt geholt. Mein Orthopäde schaute in meine digitale Akte und fragte mich, wie es mir geht. Hätten uns schon lange nicht mehr gesehen. Ich erzählte ihm von meinem Anliegen und sah, wie sich sein Gesicht aufhellte.

„Aber natürlich unterstütze ich das! Haben Sie irgendein Schreiben? Geben Sie her, das unterschreibe ich Ihnen gleich.“

Nicht einmal eine Gebühr wollte er. Stattdessen interessierte es ihn, warum genau Paris. Ob es mein erster Marathon sei. Welche Zielzeit ich mir vorgenommen hätte. Wie toll das wäre und dass er mir viel Erfolg wünsche. Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen.

Die Moral von der Geschicht: Nicht jeder Arzt ist bereit, seinen Job ordentlich zu erledigen. Wenn ich nachgewiesen gesund bin, bin ich gesund. Und dann spricht in diesem Moment auch nichts dagegen an Wettkämpfen teilzunehmen. Würde jeder Arzt so denken, wie mein ehemaliger Allgemeinarzt, wären Wettkämpfe in Frankreich ausgestorben!

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Die Sache mit der Unterkunft

Hotels in Paris sind nicht gerade günstig. Schon gar nicht in der Innenstadt, wo der Paris Marathon startet. Neben Couchsurfing á la Craigs List gibt es einen Dienst, der es Privatleuten ermöglicht, Unterkünfte an Privatleute zu vermieten. Das können Zimmer sein oder ganze Wohnung oder sogar Häuser. Der Dienst nennt sich AirBnB.

Im September schaute ich mich auf der Website nach einem geeigneten Plätzchen nahe des Startbereiches um. Es dauerte nicht lange, da hatte ich ein bezahlbares winziges, aber gemütliches Studio in Fußweite zur Champs Elysée gefunden. Ich schrieb ein paar Zeilen als Bewerbung an die Vermieterin. Vermieter können sich bei AirBnB aussuchen, wem sie ihre Unterkunft vermieten. Beide, sowohl Mieter als auch Vermieter bewerten sich im Nachgang. Als absoluter Neuling hatte ich natürlich keine Bewertung und hoffte auf das Vertrauen der Vermieterin. Nur ein paar Minuten später kam die Bestätigung mit einer netten Nachricht von der Australierin zurück, die sich freute, mir ihr Studio zur Verfügung stellen zu können.

Geld abgebucht, Unterkunft perfekt. Bis vor einer Woche.

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Samstag abend flatterte per Nachricht die Stornierung der Unterkunft bei mir hinein. Die Nachbarn seien mit AirBnB nicht einverstanden. Die Unterkunft müsse komplett aus dem Dienst entfernt werden. Großartig! Zweieinhalb Monate vor dem Marathon. Nicht, dass die Hotels inzwischen günstiger geworden wären.

Ohne zu zögern schaute ich mich nach etwas Neuem um. Fand etwas im selben Preisbereich. Das bereits gezahlte Geld wurde darauf angerechnet. Ich schrieb wieder ein paar nette Zeilen und hoffte. Meine Nacht war nicht sonderlich ruhig. Mitten in der Nacht schaute ich auf mein Handy: „Ihre Anfrage wurde abgelehnt.“ Ohne Grund. Mehr bekommt man bei AirBnB nicht mitgeteilt.

Also fing ich nachts um vier an, wieder zu suchen. Inzwischen war ich auch bereit, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Das war so kurzfristig leider auch nötig. Die nächste Bewerbung geschrieben.

Am Morgen dann die Erleichterung: ich darf dort bleiben. Wieder direkt in Laufweite zum Start. Die Bedenken, dass mir diese Unterkunft auch wieder kurzfristig storniert wird, werde ich wohl erst ablegen, wenn ich dort das Studio betrete. Naja. Paris hat ja auch schöne Brücken 🙂

Die Moral hiervon: Hotels sind zwar unangemessen teuer. Im Gegensatz zu neumodischen Diensten könnt ihr euch aber sicher sein, euer Zimmer zu bekommen, dass ihr gebucht habt. Egal, was die Nachbarn davon halten.

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