Deep Creek Hot Springs – ein wenig PCT-Luft schnuppern

Dezember 4, 2016

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Tag 3

Deep Creek Hot Springs – wie das schon klingt. Wie eine Einladung, der man einfach folgen muss. Zum ersten Mal bin ich diesem Namen begegnet als ich Christine Thürmers „Laufen.Essen.Schlafen“ in den Händen hielt. Auf dem Weg von Mexiko nach Kanada auf dem legendären Pacific Crest Trail (kurz: PCT) kam sie genau an dieser Stelle vorbei, wo warme Wasserquellen zum Baden einladen. In der Planung meiner Novemberreise schlich sich dieser Platz nun heimlich in die „Da-muss-ich-hin“-Hitliste meiner Wanderungen. Zu den Hot Springs zu gelangen ist grundsätzlich nicht schwer. Drei Wege unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit führen dorthin, soviel hatte ich schon recherchiert. Zwei davon, der Goat Trail und Bradford Ridge Path, waren mit etwa 3-4 km Laufweg erfrischend kurz. Und dennoch. Wollte ich nicht das richtige PCT-Gefühl erfahren? Klar doch! Dafür war ich ja hier. Also fiel die Wahl des Weges auf den mit ca. 10 km Strecke direkt auf dem PCT. One-way, versteht sich.

Ende November parkte dann das Auto am Ende der 173. Straße  direkt am rostigen Schild, das diese Sektion des PCT einleitete. Die Hot Springs waren hier sogar schon angeschlagen. Die Anzahl der Meilen stimmte mich mal wieder unangemessen optimistisch. Kaum hatte ich einen Schritt auf dem Weg getan, hatte mich auch schon der Zauber des PCT eingefangen. Ein schmaler Pfad, der erst in karger Wüstengegend beginnt und plötzlich findet man sich in einem Wäldchen aus herbstgoldenen Cottonwood Trees wieder.

Keinen halben Kilometer traf ich schon auf den Fluss, der mich bis zu meinem Ziel mal näher mal weiter weg begleiten sollte: der Deep Creek. Ich hätte allerdings nicht gedacht, das ich schon so bald mit ihm „kuscheln“ würde. Nach gerade mal 2 km am Flussufer durchs waldiges und wiesiges Gebiet entlang stand ich vor einer Felswand. „Na gut, klettern ist angesagt“, dachte ich und kletterte. Schon nach 4 Höhenmetern war mir aber klar, dass das nicht der richtige Weg sein konnte. Aber wo dann? Von dort oben hatte ich einen guten Ausblick auf den Fluss. Das klare Wasser lies einen bis auf den Boden gucken. Und der war an genau dieser Stelle verdächtig algenfrei. Guuut. DAS ist dann wohl der Weg.

Mit meinem Schicksal völlig abgefunden, zippte ich mir die Hosenbeine ab. Eigentlich wollte ich sie nur hochkrempeln, aber sicher ist sicher, dachte ich mir. Los gings. Das kalte Wasser traf mich wie ein Schock. Wie kann denn Wasser in der heißen Wüste nur so kalt sein? Schnell durch. Es wurde tiefer. Und tiefer. Sollte die Hose eben unten ein wenig nass werden. Geht schon. Nach etwa der Hälfte des Flusses dachte ich, müsste es ja wieder flacher werden. Aber nicht der Deep Creek! Ich watete weiter und spürte, wie meine Oberschenkel kalt wurden und das Wasser am Ende bis zum Bauchnabel stand. Das war mir inzwischen wurscht, ich wollte nur raus aus diesem Wasser. Triefend nass und schimpfend kam ich dann doch am anderen Ufer an. Die Hose, Unterwäsche und unteres Shirt tropften fröhlich vor sich hin. Zum Glück wars ja warm und noch ein langer Weg zum Trocknen. Natürlich gibt es auch ein Video zur Misere. Ihr verzeiht mir hoffentlich das Fluchen…

Die Gelegenheit und Deckung am Schopfe packend, wollte ich erstmal in die Büsche verschwinden und stapfte barfuß durch den Sand. Keine zwei Meter weiter waren meine Fußsohlen mit spitzen Dornen übersät, die eine Pflanze wohl zur Verteidigung abschmeißt. Ja, die Wüste ist eine feinseelige Landschaft. Schuhe an. Weiter. Nach einer kurzen Orientierungsphase wies dann ein Schild endlich wieder den „Original“-PCT aus und es ging in Serpentinen bergauf. Ein schmaler Pfad schlängelte sich um das bergige Land, der Deep Creek lang inzwischen viele Höhenmeter unter mir. Der Ausblick raubte mir einfach den Atem und ich konnte mich kaum sattsehen. Die Höhe blieb nun für einige Kilometer gleich, der Weg wurde aber stellenweise schmaler oder war durch Erosion kaum zu erkennen. Neben mir ging es einfach nur steil abwärts. Jeder Fehlschritt konnte der letzte sein. Die Sonne brannte unerbärmlich von oben. Ich fragte mich, wie man es hier wohl in der Sommerhitze aushalten sollte. Jetzt war Ende November und meine Hose trocknete ohne Probleme unter der Sonne!

Etwa 7 Kilometer weiter erreichte ich die hölzerne Rainbow Bridge und wechselte die Uferseite. Von hier an ging es noch einmal ordentlich bergauf und immer mehr Höhenmeter vom Deep Creek weg. Das konnte doch nicht sein! Gerade als ich schon zweifeln wollte, kam ein älterer Herr entgegen. Mit Schlapphut mit PCT-Aufnäher, Wanderstock und typischer Ausrüstung war er den PCT sicher schon mindestens einmal durchgewandert. Zu den Hot Springs? Ja, da ist schon einiges los! Viele Nackte! Der Weg war also noch richtig. Es ging weitere 2 km bergauf bis der PCT auf meinen ersten Wahlweg traf. Der Bradford Ridge Path kam an dieser Stelle von rechts herunter und vereinigte sich mit dem PCT. Es konnte also nicht mehr weit sein. Und tatsächlich: einmal um die Ecke herum verlor ich jetzt ordentlich an Höhe und in der Ferne konnte ich schon Gestalten erkennen.

Als ich dort ankam, saß ein Pärchen in einem aus Steinen künstlich aufgestauten Pool. Ein zotteliger Mann, nur bekleidet von einem Shirt und sonst nichts, richtete gerade seine Hängematte. Ein weiteres Pärchen zog sich seine Badesachen an und ein vernebelter blonder Einheimischer bereitete sich gerade ein Hühnchen mit einer großen Zwiebel unter einem Stein auf einem winzigen Feuer zu. So ein Bild sieht man nicht häufig. Die Lage sondierend schaute ich mich erstmal um und lief noch ein Stück flussaufwärts. Ich musste mal die Hand ins Wasser halten. Kalt. Na toll. Aber die Leute setzen sich doch bestimmt nicht so entspannt in so kaltes Wasser. Bikini raus und zum Mann mit Hühnchen geschlappt, der genau neben einem weiteren „Pool“ saß. Vorsichtig streckte ich den Zeh ins Wasser uns dann das ganze Bein. Ich konnte es kaum glauben: das Wasser war badewannenheiß. Nicht warm. Heiß! Völlig verzückt ließ ich mich ins Wasser gleiten und es dauerte keine zwei Minuten, da wurde mir schon was zu rauchen angeboten. Nee, danke, das war so gar nicht mein Ding. Ich schwebte auch so auf meiner Wolke 7. Stattdessen genehmigte ich mir eine mitgeschleppte Coke Lime Zero, die ich mit allen Mitteln gegen die Bienenhorden vor Ort verteidigen musste.

Außerhalb des Pools war das Flusswasser um einiges kälter, so dass man wunderbare Wechselbäder vornehmen konnte. Zwischen Felsen, in einem Canyon mitten in der Wüste. Dass es so einen zauberhaften Ort gibt, hätte ich nicht gedacht. Und für mich unfassbar, plätscherte das glasklare Wasser einfach aus dem Ufer heraus. Das einheimische Pärchen wunderte sich, dass überhaupt Ausländer hierher fanden, kannten sie doch selbst als „Locals“ diesen Ort erst seit kurzem. Den langen Weg war hier natürlich niemand gegangen. Ich stellte mir vor, wie großartig es doch sein müsste, nachts in der heißen Quelle sitzend die Milchstraße über sich zu haben. Aber leider ist dieses Gebiet eine „day-use area“, also nur für tagsüber und es lag ja auch noch ein weiter Rückweg an. Schweren Herzens zog ich mir daher wieder meine staubigen Hiker-Klamotten an und begab mich auf den Trail.

Zurück auf der Rainbow Bridge kündigte die Sonne langsam ihr Verschwinden an und tauchte die Berge in goldenes Licht. Auch auf dem Rückweg fand sich kein besserer Weg als der durch den schweinekalten, bauchnabeltiefen Fluss, obwohl laut GPS einer hätte da sein müssen. Erst zurück in Berlin fand ich dann im Internet des Rätsels Lösung: es gab mal eine Brücke, doch die wurde schon 2010 vom Fluss weggespült. Aber was ein richtiger PCT-Thruhiker ist, der wandert auch durchs Wasser!

 

Weiter geht es mit Tag 4 bis 6

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2 Comments

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    Reply Peter Heinzmann Sonntag, der 4. Dezember 2016 at 17:49

    Hallo Carola, in Amerika war ich schon oft, aber noch nie auf dem Pacific Trail. ( Ist aber großer Traum von mir). In Schweden, Norwegen und Finnland habe ich aber schon einige Touren gemacht. Ich verfolge seit einiger Zeit Deine Website und bin begeistert. Vielleicht treffen wir uns mal, z.B. beim Mammutmarsch 2017,falls es ihn gibt.☺

    • Carola
      Reply Carola Donnerstag, der 22. Dezember 2016 at 07:12

      Lieber Peter, entschuldige die späte Reaktion. Weihnachten und der Adventskalender halten mich – neben der Arbeit – ganz schön auf Trab. Ja, der PCT ist auch mein Traum Nr. 2 gleich nach dem Arizona Trail. Für 2017 steht ja erstmal die Teilnahme am Fjällräven Classic an, so ich denn einen Startplatz kriege. Und dann wird fleißig Arizona weiter geplant. Ich würde mich freuen, wenn wir uns mal zu einem Mammutmarsch treffen würden. Wir trainieren auch wieder fleißig dafür. Am Mammutmarsch 2017 werde ich nur teilweise teilnehmen, weil ich am selben Vormittag bei der XLETIX 25 km durch Kallinchen robbe 🙂

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