Arizona Trail – Part 7: Wasserknappheit im Wilden Westen

August 25, 2019

Es ist 4 Uhr nachts, als es direkt neben mir zu rascheln anfängt. Erst denke ich, es ist ein wildes Tier. Halb schlaftrunken sehe ich einen Lichtkegel in Klaus‘ Zelt hin und her huschen. Was macht er da? Ich hoffe, dass es sich nur um nächtliches Austreten handelt und drehe mich wieder um, um weiterzuschlafen. Keine Chance. Klaus wühlt und packt, raschelt und filtert Wasser. Die Nacht ist also bereits anderthalb Stunden vor dem geplanten Aufbruch vorbei. WTF? Larryboy ist durch die Geräuschkulisse inzwischen auch aufgewacht und isst zerkrümelte Kartoffelchips zum Frühstück.  

Punkt 5:30 Uhr brechen wir auf und ich raune Larryboy zu „Wir schlafen niemals wieder in der Nähe von Klaus!“ Er nickt zustimmend und weiß genau, worauf ich anspiele. 

Es geht bergauf, wie immer auf dem Arizona Trail. Zum ersten Mal bin ich vor dem Sonnenaufgang unterwegs und genieße es. Es wird schon noch früh genug unerträglich heiß werden. Da es nicht viele Wasserquellen auf diesem Abschnitt gibt, bin ich umso glücklicher, dass wir an einem gut gefüllten Wassercache vorbeikommen. Hier hatte ich meine ersten Gallonen deponiert. Und nicht nur schnödes Wasser. Der Trailangel „Sequoia“ hatte mir guten Whiskey in einer Plastikflasche abgefüllt, die ich mir jetzt abhole und mit Larryboy teile. Alkohol ist ein absolutes geschätztes, weil seltenes Gut auf einem Thruhike. 

Auf den nächsten Kilometern kriegen sich Klaus und Larryboy auf einmal in die Haare. Ihre Ansichten zum Thema „Leave no trace“ weichen doch arg voneinander ab. Das eskaliert so weit, dass Klaus die nächste Pause frühzeitig abbricht und losstürmt. Wir werden ihn nicht wiedersehen. Stattdessen verbringen wir eine unangemessen lange Zeit in zwei Liegestühlen, die hinter einem großen Felsen für die Wanderer versteckt warten. Die Futterbox ist leider schon weitestgehend ausgeräubert, es gibt nur noch Nussriegel. Egal. Liegestühle mitten in der Wüste sind sowieso viel besser. 

Kurz vor Tagesende finden wir an einem Tor eine leere Wassergallone und denken gleichzeitig: „Die hat sicher Klaus geleert und einfach liegen gelassen.“ Wir packen sie ein, denn das gehört sich einfach so. Aus einer kleinen Quelle, die wiedermal in eine Badewanne hinein läuft, holen wir uns unser Wasser für die Nacht. Ganze 8 Minuten braucht es am Rinnsal, um mal einen Liter Wasser in unseren Flaschen aufzufangen. Wir verbringen also fast eine halbe Stunde dort. Auf dem sandigen Boden eines gigantischen Flussbettes finden wir einen schönen Platz für unser Nachtlager. Ich koche mir eine Portion Knoblauch-Muschelnudeln. Offensichtlich hat die einheimische Fliegenpopulation den gleichen erlesenen Geschmack wie ich, denn es landet eine nach der nächsten in meinen Nudeln. Ich habe Hunger und keine Nerven dafür, jetzt jede Winz-Fliege einzeln aus meinen Nudeln zu sortieren, also esse ich sie einfach mit. Nach der Rekorddistanz von 44 km heute habe ich mir ein paar Proteine mehr sowieso verdient.

Heute Nacht folge ich mal Larryboys Beispiel und verzichte auf mein Zelt. Selbstverständlich ist es die erste Nacht, in der es regnet. Mürrisch und verschlafen werden um halb eins Nachts dann doch die Zelte aufgestellt. Soviel zu Cowboy Camping.

Nero Day

16 km! Was sind schon 16 km? Richtig: ein Nero Day, also ein Tag, an dem man fast keine Trailkilometer macht. Die kurze Strecke entpuppt sich zudem noch als eine der landschaftlich schönsten, die ich bislang gesehen habe. Ich verliebe mich spontan in die Tortilla Mountains.

Heute steht die hiker-freundlichste Kleinstadt Amerikas auf dem Plan: Kearny. Vor rund drei Wochen war ich schon einmal hier, hatte die Qualität der örtlichen Pizza getestet und bin vor einem „Bären“ davon gerannt. Die Pizzeria bietet an, Pizzen direkt an eine Brücke auf dem AZT zu liefern. Da wir aber sowieso eine Nacht im Motel verbringen wollen, verzichten wir auf den Service und ich fahre zum ersten Mal in meinem Leben per Anhalter.

Während wir gierig unsere Pizza verschlingen, kommt Ranger vorbei, den wir am Toten-Vogel-Wassertank verabschiedet hatten. Er gesellt sich zu uns und ist von der Idee, eine Nacht auszuspannen, sehr angetan. Zu dritt schlappen wir die paar Meter von der Pizzeria zum General Kearny Inn und checken ein. Da das Zimmer nur zwei Betten hat, opfert sich Larryboy und breitet seine Schlafsachen auf dem Boden aus. Den Tag verbringen wir mit Wäsche waschen, gammeln, kochen, gammeln, schlafen und gammeln. Und weil  das Thermometer für die nächsten Tage weit über 30 Grad klettern soll, nehmen wir das als willkommene Ausrede, noch einen Tag länger hier zu bleiben.

 

Hitze

Am Morgen des 8. April bringt uns Trailangel Carol wieder zu dritt zurück zum Trail und setzt uns an der Brücke, die über den Gila River führt, ab. Einen der ultraheißen Tage konnten wir zwar aussitzen, aber da das Wetter in Süd-Arizona tendenziell immer noch wärmer wird, haben wir uns entschlossen, der Hitze bestmöglich Richtung Norden davon zu rennen. Für die nächsten zwei Tage heißt es aber: schwitzen.

Das Panorama auf der Passage entlang des Gila Rivers könnte nicht perfekter sein. Der Trail führt am Berghang entlang durch Kakteenwälder und gibt auf einmal den Blick auf eine alte Eisenbahnbrücke im Tal frei. Es fühlt sich an, wie durch den wilden Westen zu wandern. Langsam fällt der Arizona Trail auf Flussniveau ab, erreicht damit seinen niedrigsten Punkt überhaupt und gefühlt auch den heißesten. Es gibt keinen Schatten und auch kein Wasser. Ich bin heute zutiefst dankbar über meinen silbernen Trekkingschirm, den ich die meiste Zeit nur spazieren trage. Jetzt ist er Gold wert!

Ranger fällt hinter mir um einiges zurück, Larryboy sehe ich ab und an noch in einiger Entfernung vor mir um die Ecke verschwinden. Kurz vor der einzigen Zugangsmöglichkeit zum Gila River verkriechen wir uns zu zweit in einer kleinen, kühlen Höhle und warten auf Ranger. Wir wollen zu dritt eine ausgiebige Siesta am Fluss einlegen, baden, essen, Wasser filtern. Der Gila River ist die einzige Wasserquelle auf langer Strecke und eine schlechte noch dazu. Durch das massenweise vorhandene Sediment hat der Fluss die Farbe von Milchkaffee und verstopft die physikalischen Wasserfilter nach rund einem Liter, so dass diese ständig zurückgespült (backflushed) werden müssen. Egal, es ist Wasser und bei diesen Bedingungen können wir nicht wählerisch sein.

Rund zwei Stunden halten wir uns an dem kleinen Sandstrand auf, wollen eigentlich gar nicht mehr weiter. Gegen 16 Uhr wird die Temperatur ganz langsam ein wenig erträglicher, so dass wir noch ein paar Kilometer gehen wollen. Wir verabschieden uns vom Gila River und steigen auf in die namenlosen Berge. Ein großer Felsmonolith begleitet uns im Westen. Auch er hat keinen offiziellen Namen, aber die Arizona Trail-Wanderer nennen ihn liebevoll „Dale’s Butte“ nach dem Schöpfer des Trails. Was könnte es schöneres geben, als mit Ausblick auf diesen Felsen einzuschlafen? Ranger und ich beschließen, unser Lager im hohen Gras aufzuschlagen. Larryboy möchte noch bis kurz vor Sonnenuntergang wandern und so trennen sich unsere Weg an diesem Punkt. Vorerst.

 

You Might Also Like