Arizona Trail – Part 6: Nachts in der Toilette… und Klapperschlangen gibts doch!

August 11, 2019

So früh wollte ich meinen Aufstieg zum Mount Lemmon beginnen, spätestens um 7 Uhr morgens aufbrechen, um noch in den kühlen Morgenstunden die 1.600 Höhenmeter hinter mich zu bringen. Nach der aufregenden Search & Rescue-Aktion der letzten Nacht ist aber an zeitigen Aufbruch nicht zu denken. Stattdessen frühstücke ich gemütlich mit Beryl und Laura, werte die letzten Stunden aus und verabschiede mich erst gegen halb neun von ihnen.

Die ersten Kilometer sind harmlos und ich freue mich, dass meine gestiegene Kondition die Höhenmeter anscheinend nur so purzeln lässt. Nun ja. Das ändert sich schlagartig, nachdem ich am Romero Pass mit atemberaubender Aussicht auf das darunter liegende Tucson vorbei bin. Der Trail ist auf einmal so steil, dass ich teilweise nur noch auf allen Vieren nach oben krieche. Alle paar Minuten muss ich Pause machen und ringe nach Luft.

„Wollen sie hier die Arizona Trail-Hiker töten?“, denke ich und nehme erstmal auf einem umgestürzten Baum Platz.

 

Wilderness of rocks

Nach einigen weiteren haarsträubenden und kräfteraubenden Kletterpassagen komme ich an einer Weggabelung an… und verlaufe mich zum allerersten Mal. Mount Lemmon Trail klingt doch logisch. Dass dieser aber wieder bergab führt, wundert mich dann doch und ich schaue noch einmal in der Guthooks App nach. Ups, tatsächlich hätte ich rechts in die Wilderness of rocks abbiegen müssen. Zum Glück muss ich nur einige wenige hundert Meter wieder zurück.

Es fällt mir ganz schwer, in der Wilderness of rocks nicht einfach halt zu machen und mein Zelt aufzuschlagen. Glatt geschliffener Sandstein, hohe Nadelbäume und alle Nase lang ein romantisch plätschernder Fluss sind absolut verführerisch. „Hier werde ich sicher nicht zum letzten Mal gewesen sein, aber für heute muss ich weiter“, ermahne ich mich, als ich nach einer längeren Snackpause wieder den Rucksack auf den Rücken schwinge.

Während ich gerade gedankenverloren das xte Arizona Trail-Schild fotografiere, nähert sich von hinten ein junger Hiker in einem neon-orangen Shirt an. Wir bleiben kurz stehen, stellen fest, dass wir beide dasselbe Tagesziel haben und machen uns gemeinsam auf die letzte Etappe. Larryboy, so sein Trailname, will heute unbedingt noch eine fette Pizza in Summerhaven in sich hinein schaufeln. Bis zur Schließzeit um 17 Uhr sollten wir das schaffen. Ich hingegen erzähle ihm von meinem Plan, die Nacht in der berüchtigten Toilette des Community-Centers zu verbringen, in der wohl schon einige Thruhiker ihr Lager aufgeschlagen hatten. Er ist völlig begeistert und will dem Plan folgen.

Um 16:35 Uhr stehen wir in der Pizzeria und lesen ungläubig das Schild: „Die Öfen werden eine halbe Stunde vor der Schließzeit abgeschaltet.“ Echt jetzt? Wir fragen nochmal nach. Schließlich sind wir nur fünf Minuten über der Zeit. Keine Chance. Und alle anderen Restaurants (zwei an der Zahl) haben ihre Saison noch überhaupt nicht begonnen. Niedergeschlagen erledige ich mein Resupply im kleinen, aber gut sortierten Lebensmittelladen und erhalte zur Aufmunterung eine heiße Schokolade gratis. Auf Mount Lemmon ist es jetzt schon kalt und extrem windig, so dass ich den Versuch, eine Dose Hühnerfrikasse über meinem Holzkocher aufzuwärmen, recht bald aufgebe. Stattdessen machen Larryboy und ich es uns im Vorraum der Toiletten gemütlich. Fließend Wasser, Toiletten, Strom, schnelles WLAN und ein geschütztes Plätzchen. Was will man als Thruhiker mehr?

 

Klapperschlange in Sicht!

Da Larryboy noch ein Paket vom hiesigen Postamt abholen und bis zur Öffnung um 9 Uhr warten muss, verabschieden wir uns zunächst und ich mache mich auf den Abstieg von Mount Lemmon über das Oracle Ridge. Der Abstieg ist mit unerwartet viel Aufstieg verbunden und der Wind haut mich fast vom Trail. Ein paar Rehe lassen sich blicken und an einer Kuhtränke entdecke ich einen weiteren Horned Lizard, der sich schnell im Gebüsch verkriecht.

Danach geht es tatsächlich geschmeidig den Berg hinunter und die Landschaft wird flach. Perfekt, um die verlorenen Kilometer vom gestrigen Tag aufzuholen. Kurz vor der Überquerung des Tucson Globe Highways halte ich Ausschau nach einem geeigneten Zeltplatz für die Nacht. Auf einmal: Rasseln! Reflexartig mache ich einen Sprung nach hinten. Da rechts, direkt am Trail, liegt sie. Meine erste Klapperschlange. Sie züngelt und rasselt wild, gibt mir zu verstehen: „Achtung. Hier liege ich!“ Ich versuche, die Situation einzuschätzen und warte einige Zeit. Über den Trail weiter zu gehen, ist keine Option, denn dort liegt ja das energisch rasselnde Tier. Durch das niedrige Gebüsch um die Schlange herum zu gehen finde ich auch nicht prickelnd. Wer weiß, ob dort nicht die nächste Schlange wartet, die ich durch das Gestrüpp nicht so einfach sehe. Aber die Klapperschlange denkt gar nicht daran, sich auch nur einen Zentimeter von ihrem Platz zu bewegen. Mir bleibt also nichts anderes übrig und so stakse ich bedacht in einem Halbkreis durch Strauch und Kaktus um sie herum. Hier meine Nacht zu verbringen, hake ich damit ab und wandere weiter.

 

Die Sonne geht bereits unter als ich am Tiger Mine Road Trailhead ankomme, wo ich vor einem halben Monat meinen ersten Wassercache platziert hatte. Leider hat sich jemand an meiner Wassergallone bedient, dafür ist sie übersät mit Herzchenaufklebern. Wer klaut denn Wasser und klebt dann Herzen auf die Gallone? Zudem liegen neben meiner Gallone noch etliche andere, keine ist jedoch mit Aufklebern versehen. Seltsam. Einen idyllischen Zeltplatz finde ich nicht, alles ist zugewachsen, also baue ich mein Zelt auf dem Parkplatz des Trailheads auf. Ein älteres Ehepaar steht dort bereits mit ihrem Camper. Harriet, die Frau, lädt mich zu einem Glas Wein ein. Dazu sage ich nicht nein. In ihrem Camper gibt es mehr Tiere als Menschen. Karnickel und Hunde. Bei Weißwein und gemischtem süß-salzigen Popcorn erzähle ich Harriet von meinem bisherigen Abenteuer und sie lauscht gespannt. Erst gegen 22:30 Uhr und damit weit nach Hiker midnight verabschiede ich mich, nachdem sie mir ihre Nummer gibt. „Für alle Fälle“, sagt sie.

 

Heart Bandit

Als ich am nächsten Morgen dabei bin, mein Zelt abzubauen, kommt Larryboy angeschlappt. Er hatte die Nacht noch jenseits des Highway verbracht. Ich erzähle ihm die Geschichte meines geklauten Wassers und er lacht: „Well, that should be your trailname: Heart Bandit“. Jeder Thruhiker fängt sich in seinem Wandererleben einen Trailnamen ein. Von Peppermint Skunk bis DJ Night Cakes ist alles denkbar. Hauptsache der Name erzählt eine Geschichte. Die des herzchenaufkleberverteilenden Wasserdiebes ist nun meine.

Den Tag über wandere ich wieder zusammen mit Larryboy. Es ist ja doch schön, ab und zu jemandem zum Schwatzen zu haben. Vor allem, wenn man eine Passage wandert, auf der es so gut wie keinen Schatten gibt. Das lenkt ab. Nach einer Mittagspause, die wir an eine alte Betonmauer geklemmt verbringen, treffen wir auf Ranger. Larryboy war mit ihm im letzten Jahr ein wenig auf dem Continental Divide Trail gewandert. Zufälle gibt’s. Und als wir zu dritt reden, kommt der nächste Thruhiker vorbei: ein Mexikaner mit dem absolut spanischen Namen „Klaus“. Er macht erstmal Pause, während Ranger sich uns anschließt.

Wir wollen es bis zum Beehive Well schaffen, der gemäß einiger Berichte eine ziemlich unschöne Wasserquelle darstellt, aber auch die einzige weit und breit. Die Gerüchte bewahrheiten sich, denn das Wasser im Beehive Well ist nicht nur eine grüne Brühe. Es fliegen an der einzigen Entnahmestelle jede Menge Bienen herum, die sich wenig begeistert zeigen, dass wir ihnen ihr widerliches Wasser klauen. Zudem treibt zwei Meter weiter ein toter Vogel im Tank umher. Lecker.

Die nächsten Stunden mit Wasser filtern und Essen kochen verbringend, beschließen Larryboy und ich, am morgigen Tag bereits um 5:30 Uhr morgens loszuwandern. Klaus, der sein Nachtlager ebenfalls am Beehive Well aufschlägt, ist bei dem Plan dabei. Ein böser Fehler, wie sich später herausstellen wird.

– Weiter zu Teil 7 –

 

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