Laufen.Essen.Schlafen – Eine Frau, drei Trails und was ich dazu denke

September 7, 2016

 LaufenEssenSchlafen

Vorwort

Zur Vorbereitung auf mein Projekt, den Arizona Trail zu durchwandern, decke ich mich mit viel Literatur, Fachbüchern und Ratgebern ein. Einige dieser Bücher stelle ich euch in den nächsten Monaten immer mal wieder vor. Den Anfang macht hiermit das Buch „Laufen. Essen. Schlafen“ von Christine Thürmer, das erst im Frühjahr 2016 erschienen ist.

Kurz zum Inhalt

Die Geschäftsfrau Christine Thürmer packt nach einer Unterhaltung mit Wanderern, die den Pacific Crest Trail (PCT) durchwandern selbst die Lust, eine solche Langdistanzwanderung zu unternehmen. Nachdem sie nach einer umfangreichen Unternehmenssanierung ihre Kündigung erhält, macht sie sich auf die Reise, ein halbes Jahr lang von der mexikanischen Grenze zur kanadischen zu laufen. Doch damit nicht genug. In den folgenden Jahren bezwingt sie zwei weitere Weitwanderwege in den USA: den Continental Divide Trail (CDT) und den Appalachian Trail (AT) und erhält für diese Leistung die Auszeichnung „Triple Crown“ verliehen.

Persönliche Kritik

Das Buch dient der Unterhaltung, das sollte einem klar sein, wenn man das Buch als Kauf in Erwägung zieht. Dass innerhalb von knapp 300 Seiten drei komplette Langdistanzwanderungen abgehandelt werden, ist schon ein erstes Zeichen, dass es sich hier nicht um ein Fachbuch oder einen Ratgeber handelt, der einem (großartig) für die Vorbereitung eines ähnlichen Plans hilft.

Die Seiten und Kapitel lesen sich flüssig und in einem Rutsch. Jeden Abend habe ich mehrere Kapitel verschlungen. Ob es an der Einfachheit des Lesens lag, der Spannung, wie es weiter geht oder der Hoffnung, doch noch mehr zu erfahren… sicherlich wird alles zu einem Teil beigetragen haben, dass ich das Buch in wenigen Tagen durch hatte.

Die Autorin beschreibt kurz, wie und was sie zu diesen mutmaßlich heftigen Wanderungen verleitet hat. Der berufliche Alltag und die Rahmenbedingungen werden beschrieben und der Leser bekommt mehr als einmal mit, dass sie eine äußerst erfolgreiche Geschäftsfrau ist, der aber dennoch (mehrfach) gekündigt wird.

Der Einstieg auf dem PCT wird noch einigermaßen detailliert und gefühlvoll beschrieben. Danach geht es mir zu schnell. Schon nach wenigen Seiten befinden wir uns 500 km weiter – was etwa schon zwanzig Wandertagen entspricht. Ich hätte gerne mehr erfahren über die ersten Tage. Wie sich das neue, völlig ungewohnte Leben so anfühlt. Welche Gedanken und Herausforderungen diese Zeit mit sich gebracht haben. Wie die Landschaft und Leute wirken. Was der Körper nach 30 gewanderten Kilometern in teils schwierigem Terrain mit kompletter Ausrüstung zu sagen hat. Dazu erfährt der Leser leider so gut wie nichts. Und das zieht sich auch den gesamten Trail hindurch.

Man liest viel von Mitwanderern und sogenannten Trail Angels, freiwilligen Helfern am Rande des PCT. Dadurch, dass derart viel von anderen Thru-Hikern berichtet wird, kam in mir das Gefühl auf, Frau Thürmer wäre seltens allein gewandert. Vom PCT ist bei mir hängen geblieben:

  • es gibt sehr viele Trail Angels
  • am Anfang recht viel Wüste
  • der Bundesstaat Kalifornien zieht sich wie ein Kaugummi
  • es gibt einen schwierigen Pass zu überqueren
  • ab der nördlichen Grenze Kaliforniens regnet es nur noch

Der Bericht vom CDT, auf den ich am meisten gespannt war, ist fast ausschließlich geprägt von der Beziehung zwischen Frau Thürmer und ihren damaligen Freund und Mitwanderer Bob. Ihre unterschiedlichen Lebensweisen, Wanderstile, Probleme und Streitigkeiten . Vom CDT blieb bei mir folgendes zurück:

  • Am nördlichen Beginn des CDT wimmelt es vor Grizzly- und Schwarzbären
  • Es gibt viele Stellen, an denen der Trail keine Kennzeichnung hat und es mehrere Routenvarianten gibt
  • Die Zeit sitzt einem im Nacken, da der Winter jederzeit auszubrechen droht

Den immerhin auch 3.500 km langen Appalachian Trail handelt Frau Thürmer mit nur knapp 50 Seiten ab. Man merkt, dass dieser ihr am wenigsten gelegen hat. Zumindest am Anfang bekommt man den Missmut zu spüren, den sie auf dem Trail entwickelt. Hier ist alles anders als erwartet und von den anderen Trail gewohnt. Erst zum Ende hin kann sie sich ein wenig mit dem AT anfreunden. Der Funke springt hier allerdings nicht über. Man bekommt das Gefühl, sie würde  „nur Strecke machen“ wollen.

Der Appalachian Trail ist daher nach dieser Lektüre genau das:

  • Ein langer, grüner Tunnel und endloser Wald
  • Stets verregnet
  • Langweilig und überlaufen im Gegensatz zum PCT und CDT
  • fast ständig an die Zivilisation angeschlossen

Was mir fehlt…

… sind die Beschreibungen der Vorbereitung und des Alltagslebens eines Thru-Hikers. Sie schreibt, man müsse mit ultraleichter Ausrüstung unterwegs sein, ohne im Ansatz zu erwähnen, dass genau das auch eine Herausforderung in der Anschaffung darstellt. Gerade ultraleichte Zelte und Schlafsäcke sprengen gerne mal das übliche Haushaltsbudget. Vor allem, wenn davon auszugehen ist, dass der Wanderer während seiner Auszeit womöglich kein Geld verdient. Kann sein, dass es für Frau Thürmer gar keine Herausforderung war, denn wie sie selbst in einem Interview sagte: sie könne sich diesen Lebenstil mit ihren Ersparnissen leisten bis sie 90 Jahre alt ist. Auf den Normalverdiener trifft das wohl eher nicht zu.

Ich habe wenig von der Landschaft mitbekommen und kann mir nur im Ansatz vorstellen, wie es auf den Trails ausgesehen hat. Ein paar Seiten hierzu hätten nicht geschadet, denn als Leser möchte ich mitgenommen werden auf das große Abenteuer, welches ich selbst vielleicht nie realisieren kann.

Auf Probleme und Ängste geht sie nur sehr selten ein. Dass Wasserknappheit herrscht, habe ich nur auf einer einzigen Seite gelesen, als sie beschreibt, dass sie ihren eigenen Urin zum Abspülen von Geschirr nutzt. Ansonsten scheint sie weder Hunger, Durst, Schmerzen, Krankheiten oder sonstige Ausfallerscheinungen gehabt zu haben. Hut ab, wenn es wirklich so war.

Was ich für mein Arizona Trail Projekt mitgenommen habe

1) Ich bin jetzt ziemlich fit, was Trail-Jargon angeht. Ich weiß, was ein Thru-Hiker, eine bounce box, ein Bärenkanister und der Trailname Da mir im Lauf meiner Vorbereitungen sicher noch mehr Wörter in Langdistanzwanderer-Fachchinesisch begegenen werden, habe ich mal ein Glossar begonnen, auf das ich bei Bedarf immer mal wieder verlinken werde.

2) Langdistanzwanderer sind fast ausschließlich in Trail Runnern unterwegs statt schweren Wanderstiefeln. Das bestätigt auch meine Erfahrungen aus den Trainings zum Mammutmarsch und Ostseeweg. Wanderstiefel bieten zwar eine erhöhte Sicherheit gegen Umknicken in schwierigem Terrain, werden ab auf Dauer zu schwer und ermüden die Beine.

3) Ich werde wohl zu einer seltenen Spezies auf dem Arizona Trail gehören. Thru-Hiker sind hauptsächlich männlich und unter 30. Die zweitgrößte Gruppe stellen Pärchen bis zur selben Altersgrenze dar. Allein wandernde Frauen sind selten und wenn dann auch eher der jüngeren Altersgruppe zu zuordnen. Mit meinen 40 Jahren in 2019 bin ich dann wohl meine eigene Randgruppe.

4) Es gibt sogenannte bounce boxen, die von den Wanderern von Kleinstadt zu Kleinstadt und dort zu den jeweiligen Postfilialen geschickt werden. Darin enthalten ist Proviant und Equipment für den nächsten Abschnitt. Was nicht (mehr) benötigt wird, wird einfach zur nächsten „Station“ weiter geschickt. Eine sehr sinnvolle Organisation, da nicht jedes Örtchen mit einem Walmart ausgestattet ist und manch individuelle Bedarfe nicht vor Ort gedeckt werden können.

5) Klapperschlangenbisse scheinen in den meisten Fällen nicht tödlich zu sein. Pro Jahr werden etwa 7.000 bis 8.000 Menschen mit Klapperschlangenbissen behandelt und nur etwa 5 sterben daran. Für mich stellt sich aber die Frage: Was ist mit denen, die nicht behandelt werden, weil sie nicht rechtzeitig medizinische Hilfe erhalten? Wie hoch ist die Dunkelziffer derer, die mitten in der Wüste gebissen werden und dort verenden?

6) Beim Arizona Trail wird es für mich wohl nicht bleiben. Schon jetzt bin ich ganz angefixt von der Idee, vor allem den PCT und den CDT zu laufen. Wüste Gedanken in meinem Gehirn bilden sich schon und überlegen, wie und wann dann wohl das nächste Sabbatical fällig wird. Und das erste ist noch so lange hin…

Wer das Buch lesen möchte, findet es hier bei Amazon. Natürlich hat Christine Thürmer auch ihren eigenen Blog, der mir schon das Fürchten vor dem Arizona Trail gelehrt hat. Und eine Facebook-Seite darf nicht fehlen, damit ihr verfolgen könnt, auf welchem Abenteuer sie sich gerade befindet.

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