Von der Schlammschlacht und dem Bären

März 16, 2019

Wer hätte gedacht, dass schon die ersten zwei Tag meiner Wasservorratstour so nervenaufreibend werden würden. Ich nicht. Ich hatte eine ganz romantische Vorstellung davon, geschmeidig mit meinem Allradwagen über die amerikanischen Landstraßen zu cruisen, passend zum Sonnenuntergang mein Zelt in atemberaubender Wildnis aufzubauen, Abends am Lagerfeuer zu sitzen und mir morgens heißen Kaffee mit über dem Feuer gerösteten Würsten einzuverleiben… und ab und an mal ein paar Gallonen Wasser verstecken. Aber die Pläne wurden schon jetzt völlig über den Haufen geworfen.

Mein Traum vom Allrad-Wagen platzte schon Montagabend, als ich mich wieder in einem Pickup wiederfand, der aber leider nur Zweirad-Antrieb besitzt. Nun gut, wird schon gehen. So schlimm werden die Hinterlandstraßen wohl nicht sein. Da hatte ich aber nicht mit Sturmfluten von Regen, Hagel und Schnee gerechnet. 

Ich und mein Zweiradler

Dienstag Mittag mache ich mich also mit rund 160 Litern Wassern und meiner Ausrüstung auf den Weg zu den ersten zwei Cache-Punkten. Der erste läuft noch harmlos ab. Die Schotterstraße dorthin ist kurz und in gutem Zustand. Dann schickt mich Google auf dem Weg zum zweiten Punkt durch ein winziges Dörfchen. Die Straße, wenn man sie überhaupt so nennen darf, wird immer schlimmer. Durch den Regen völlig aufgeweicht fährt es sich wie auf Schmierseife. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, stehe ich auf einem vor einem Fluss, durch den die Straße führt. Aha.

Ein kurzes Konsultieren der Karte sagt mir: der ist da immer. Was denkt sich Google dabei. Noch während ich versuche, meine Karre wieder aus dem Schlamm zu bewegen und umzudrehen, kommt ein Einheimischer daher geschlendert. Er meint, er führe mit seinem Zweiradantrieb oft durch den Fluss, das ginge schon. Falls ich stecken bleiben sollte, würde er mich wieder hinausziehen. 

Ich bin überaus skeptisch, aber ich sehe auch keine andere Alternative. Schließlich bin ich mit einem Trail Angel verabredet, dem ich zwei große Säcke Tomaten und Avocados mitbringe. Also fasse ich mir mein Herz, dem Einheimischen, meinem Truck und meinen Fahrkünsten zu vertrauen. Zurecht, wie sich herausstellt! 20 km nach meiner ersten Flussdurchquerung komme ich beim Trail Angel „Sequoia“, der den Wanderern ein frisches Grillsandwich zubereitet und sie mit Softdrinks und einem Sessel belohnt.

Ich liefere meine Wassergallonen bei ihm ab und nach einer Stunde mache ich mich wieder auf, diesmal in die andere Richtung, denn nochmal will ich den Fluss nicht durchqueren. Ich werde mir noch wünschen, doch durch den Fluss gefahren zu sein.

Bloß nicht steckenbleiben!

Nach etwa 10 km auf der Straße, auf der ich von Süden gekommen war, biege ich auf die Barkerville Road ein. Straßen hier im Hinterland sind nicht asphaltiert, was normalerweise kein Problem ist. Bei heftigen Regenfällen, wie sie gerade durch den Staat ziehen, verwandeln sich diese Straßen jedoch in glitschige, schmierseifenähnliche Monster. Mit weit überhöhter Geschwindigkeit rase ich über die Straße, denn es wird bald dunkel, der nächste Regen ist schon in Sicht und ich darf auf keinen Fall mit meinem Zweiradantrieb stehen bleiben. Immer wieder fahre ich über Schlammnester und mein Auto will in andere Richtungen als ich. Wenn ich jetzt im Graben lande, habe ich verloren.

Noch mehr als 13 km von der nächstgrößeren Straße entfernt, wird mein Auto auf einmal immer langsamer, obwohl ich Vollgas gebe. „Bitte, bitte, fahr weiter“, flehe ich mein Auto an. Keine Chance. Trotz Vollgas bleibe ich stehen. „Das kann nicht sein, das darf nicht sein!“ Ich trete weiter aufs Gas. Was soll ich auch sonst tun? Es ist weit und breit niemand da und ich kann schlecht alleine einen Pickup anschieben. Die Reifen drehen durch, es bewegt sich nicht. Ich lenke mal rechts und mal links, rede dem Auto gut zu. Und tatsächlich bewegt es sich einige Millimeter. Wildes Hin- und Herlenken und weiter Vollgas bringen mich am Ende aus der Misere raus. Die Situation habe ich noch ein weiteres Mal auf der Straße. 13 km Herzklopfen und fahren wie über Eisschollen mit Sommerreifen später komme ich endlich auf Asphalt an… der sich nach 2 km auf der nächsten Straße wieder verabschiedet. 

In Kearny, der wandererfreundlichsten Stadt der Welt, hole ich mir zwei große Stücken Pizza zum Mitnehmen und fahre zu meiner Location, die ich mir für die Nacht ausgesucht habe: ein kleiner Platz, wo Geländewagenfahrer campen können. Die Sonne geht unter als ich dort ankomme und die einzige bin. Schnell baue ich mein Zelt auf, esse die großartige Pizza und mache um 20 Uhr die Augen zu. Es war ein nervenaufreibender Tag.

Nachts um drei wache ich von bestialischen Geräuschen auf. Es klingt wie ein wütender Bär. Hier? Kann doch nicht sein. Allerdings wurden auch schon an seltsamen Orten Bären gesichtet. Es brüllt immer lauter, direkt hinter meinem Zelt. Ich kriege Panik. Ich greife zu meinem Messer, meiner Brille und dem Autoschlüssel und löse aus Versehen den Panikknopf meines Autos aus. Ohrenbetäubendes Hupen und Licht ertönen in der Nacht. Das scheint dem Vieh nicht zu gefallen, es entfernt sich ein wenig. Trotzdem steige ich aus meinem Zelt und laufe langsam zum Auto, steige ein und mache die Scheinwerfen an. Nichts zu sehen. Nach ein paar Minuten mache ich die Seitenscheiben herunter und horche. Alles ruhig. Ich gehe zurück ins Zelt und schaffe es nach einiger Zeit, wieder einzuschlafen. Nicht für lange, denn der Wind hat sich in Sturm verwandelt und reißt mir noch zweimal in dieser Nacht die Heringe raus, die ich in strömendem Regen mit großen Steinen sichern muss. Was für eine Nacht. Im Morgengrauen realisiere ich dann auch: die Geräusche in der Nacht kamen wohl von einer aufgebrachten Kuh!

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