Arizona Trail – Schneefelder, Hitze und Fußtöter

March 22, 2019

Niemand hat gesagt, das wird leicht. Und es wäre auch gelogen. Ein gesundes Maß an Planung und gesundem Menschenverstand machen aber doch vieles einfacher.

Zwei nette Trail Angel fahren uns zu viert am Montag morgen zum Montezuma Pass, dem nächstgelegenen und mit Auto erreichbaren Ort zum Start des Arizona Trail an der mexikanischen Grenze. Wir vier, das sind der Amerikaner Rand, die Schwedin Emilie und wir zwei Deutschen. Drei Kilometer sind es runter bis zum Grenzstein, die wir auch auf demselben Weg wieder zurück müssen. Nach einer ausgiebigen Fotosession hinter und vor dem Grenzzaun, der hier nur aus Stacheldraht besteht (noch!), trennen sich die ersten Wege und Rand zieht von dannen.

Passage 1 von 43 ist eine der härtesten, denn es geht den ganzen Tag nur bergauf. Rund 1.300 Höhenmeter warten über 18 km darauf, von uns bezwungen zu werden. Der Anstieg wärmt uns mehr auf als die Sonne, während wir zu dritt Haarnadelkurve um Haarnadelkurve die Huachuca-Mountains hinaufkriechen. Bathtub Spring ist das heutige Ziel, ein kleine Quelle, die in eine alte Badewanne fließt. Emilie möchte den Trail in 25 Tagen machen und damit 50 km pro Tag gehen. Das ist für mich in dem Terrain unvorstellbar. Ich plane rund die Hälfte pro Tag. Ich will Arizona schließlich genießen. Im Laufe des Tages geht es ihr aber immer schlechter, so dass sie sogar den Schlenker hoch zum Gipfel der Miller Peak auslässt.

Auf dem Trail finden wir einen Plastikbeutel mit Wandersachen und eine Isomatte und fragen uns, was wohl die Geschichte dazu ist. Um 17:30 Uhr hoffen wir alle, endlich an der Quelle anzukommen, aber ein Schneefeld macht das Vorankommen langsam, gefährlich und furchtbar anstrengend. Als wir um 18:30 Uhr pünktlich zum Sonnenuntergang ankommen, wer schnell die Zelte aufgebaut, mühsam Feuer fürs Essen gemacht und um 20 Uhr ist Ruhe im Karton.

Was hoch geht, kommt auch runter

Am nächsten Morgen checkt uns die Border Patrol, der Grenzschutz, per Helikopter aus, während wir unser Frühstück zubereiten. Emilie zieht von dannen, denn sie hat ja noch eine ganze Strecke vor sich. Um 9 Uhr beginnt für uns der langsame Abstieg, der auch immer mal gern wieder nach oben führt und gigantische Blicke über Arizona und bis rüber nach Mexiko ermöglicht. Durch die heftigen Regen- und Schneefälle führt das Flussbett im malerischen Sunnyside Canyon glasklares Schmelzwasser. Gefiltert wird trotzdem, man weiß ja nie, ob nicht irgendwo ein totes Tier herumliegt.

Ich gehe ein paar Schritte und höre es rascheln. Da guckt mich ein Coati, eine Art Nasenbär aus dem Wald an. So ein Tierchen sieht man sonst nur im heimischen Zoo! Nachdem wir den Wald verlassen haben, geht es hinaus ins Flachland, ohne ein bisschen Schatten. Ich nutze zum ersten Mal meinen Schirm, der ein wenig Schatten spendet. Darunter ist es trotzdem brütend heiß. Die Border Patrol checkt uns ein weiteres Mal aus, diesmal vom Auto aus. Sonderlich mexikanisch scheinen wir nicht auszusehen. Die ersten Kühe tauchen am Trail auf.

Nach 21 km am heutigen Tage ist die erste Passage des AZT erreicht, noch rund 4 km bis zum geplanten Campspot. Sie fallen schwer, aber die Aussicht auf ein warmes Tütenmahl und Schlafsack treiben voran. Schon kurz vor dem Ziel höre ich den kleinen Bach plätschern und direkt nebenan findet sich ein idyllischer Platz fürs Zelt.

Die Hügel des Todes

Tag 3 führt durch die Canelo Hills. Ein harmloses Höhenprofil im Gegensatz zum ersten Tag, denke ich. Was ich aber nicht bedacht habe: dreimal hoch und runter ist mindestens genauso schlimm wie einmal am Stück hoch. Die Sonne brettert vom Himmel und die zwei Liter Wasser, mit denen ich gestartet bin, sind bis zum nächsten Auffüllpunkt ausgetrunken. Dass hier im Middle Canyon überhaupt Wasser fließt, ist ein unglaubliches Glück. Im letzten Jahr führte im gesamten Süden Arizonas nur ein einziger Fluss Wasser. Viel ist es hier zwar nicht, aber ausreichend. Die Kommentare der Wanderer, die einige Tage vor mir hier waren, sind wahnsinnig hilfreich. Ein wenig Wasser nehme ich ungefiltert mit und hoffe, es gegen öffentlich bereitgestelltes Wasser am nächsten Trailhead tauschen zu können.

Die Hoffnung erfüllt sich leider nicht. Hier steht nur eine halbleere Gallone eines Hikers, die erst ab morgen für öffentlich erklärt ist. Damit ist auch die Entscheidung, noch 5,6 km weiter zur nächsten Wasserquelle zu wandern, getroffen. Die Füße tun mir weh und ich bin müde. Glücklicherweise folgt nur noch ein Anstieg über ein Bergsattel, danach geht es runter zu einem Tümpel, aus dem sich ein Dutzend Kühe bedient. Der Slalom um Kuhfladen herum ist mir wurscht, ebenso die Tatsache, quasi daneben zu zelten. Hauptsache ich kriege jetzt mein Wasser fürs Essen, die Schuhe von den Füßen und eine Mütze Schlaf. Ich frage mich, wie Emilie fast das doppelte an Strecke schafft…

Zivilisation in Sicht

Um 6 Uhr weckt mich ein heulendes Rudel Kojoten in der Ferne. Zeit, aufzustehen. Es ist einer der seltenen Momente, wenn der Super-Mond im Westen noch am Horizont zu sehen ist, während im Osten schon die Sonne aufgeht. Der Trail ist heute gnädig. Es geht viel bergab, wenig bergauf und Wasser ist aus großen Metalltanks genug vorhanden.

Meine Fußsohlen schmerzen trotzdem mit jedem Tag früher. Es gibt keinen Weg, der steiniger ist. Vor allem die losen Gesteinsbrocken machen meinen Gelenken zu schaffen. Mehr als einmal retten mich meine Trekkingstöcke vor einem Sturz.

Um 15 Uhr erreichen wir schon das Tagesziel, das kleine Städtchen Patagonia. Die letzen 5 km Roadwalk haben meinen Füßen aber den Garaus gegeben und es fällt mir schwer, aus dem Pizzaladen heraus noch zum Trailer zu schlürfen, in dem ich morgen einen Tag ganz ohne Trailmeilen verbringen werde. Mein Körper braucht Regeneration. Von Emilie empfange ich die Nachricht, dass sie Patagonia bereits am Morgen verlassen hat.

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