Mammutmarsch 2015 – Bericht von Sebastian

…wir waren durch die langsamen letzten 5 Kilometer so weit hinter der Zeit, dass der Verpflegungsposten nun schon dabei war abzubauen

Knapp ein Jahr is nun meine erste Mammutmarsch-Teilnahme her und die Vorbereitungen auf den zweiten Versuch sind im vollen Gange. Zeit fur einen kleinen Rückblick auf die Erfahrungen des letzten Jahres. Etwa einen Monat vor dem Mammutmarsch hörte ich zum ersten Mal von diesem Event. Ein Freund machte mich darauf aufmerksam und fragte mich, ob ich nicht mit ihm zusammen daran teilnehmen möchte. Die Idee 100 Kilometer in 24 Stunden zu wandern klang mir nach einer spannenden Herausforderung. Ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde, wollte dennoch herausfinden, wo meine körperliche und auch geistige Grenze liegt.

Auf der Internetseite des Veranstalters las ich, dass der Marsch für jede normalsportliche Person (was auch immer das bedeuten mag) möglich ist und es vor allem eine Sache der Willensstärke ist, diese Strecke zu überwinden. Zu dieser Zeit spielte ich viel Volleyball und ging gelegentlich laufen und schätze mich somit als normalsportlich ein. Es würde demnach vor allem auf den Kopf ankommen und da ich, wenn ich mir eine Sache in den Kopf gesetzt habe, diese auch umsetze, komme was wolle, war ich überzeugt, dass meine Willensstärke ausreichen würde, mich 100 Kilometer anzutreiben und jeglichen Gedanken an Aufgeben vertreiben würde.

Einige Erfahrungen mit Wandern hatte ich in meinem Leben schon gesammelt. Die letzten größeren Touren hatte ich wenige Jahre zuvor in Neuseeland gemacht. Dort bin ich einige mehrtägige Märsche gewandert, mit Tagesabschnitten von 20-30 Kilometern, vielen Höhenmetern und großem Gepäck (Zelt, Essen etc.). So unmöglich schien es mir daher auch nicht 100 Kilometer zu laufen. Der Mammutmarsch sollte mich eines besseren lehren. Mit dieser Überzeugung schaffte ich es schnell, noch weitere Freunde von dieser Idee zu überzeugen. Einige realisierten allerdings noch vor dem Marsch, wie absurd die Idee ist und sprangen wieder ab, so dass wir am Ende zu viert an den Start gingen. Es war nun nicht einmal mehr ein Monat Zeit, sich auf den Marsch vorzubereiten. Für größere Trainingswanderungen reichte meine und die Zeit meiner Mitstreiter nicht. Die Vorbereitung lag daher hauptsächlich in der Wissenserweiterung. Ich studierte Erfahrungsberichte, sprach mit etlichen Sportler/innen über die richtige Ausrüstung und Ernährung und versuchte mir somit das Wissen anzueignen, dass ich benötigen wurde, um die 100 Kilometer zu überwinden. In der Theorie war ich für den Marsch vorbereitet.

Am Samstag den 9. Mai wurde es dann ernst fur uns. Das Wetter sah tagsüber ideal aus, 21°C und sonnig, nur für die Nacht waren leichte Gewitter angekündigt. Wir waren  aber für jedes Wetter vorbereitet, Regenjacke und -hose waren selbstverständlich mit im Gepäck. Wir trafen uns schon mittags, um vor dem Start noch mal gemeinsam ausgiebig zu essen, dann ging es los Richtung S-Schöneweide. Unterwegs stiegen immer mehr Menschen in die Bahn ein, die nach Mammutmarschteilnehmer/innen aussahen. Dort angekommen erwarteten uns auf dem Startgelände ca. 800 Menschen die sich schon in die Schlangen gestellt hatten, um sich zu registrieren, ihre Startnummer, Kartenmaterial und ausführliche Wegbeschreibung zu erhalten. Als wir das alles erledigt hatten, hieß es abwarten bis zum Startschuss. Ich war schon voller Adrenalin und wollte eigentlich nur noch los.

Um 17 Uhr war es dann endlich so weit. Gestartet wurde in vier Blöcken. Wir starteten in Startblock 3, da wir nicht gleich mit den schnellsten Läufern losrennen wollten, um dann nach wenigen Kilometern schon k.o zu sein. Die Route verlief zunächst durch Schöneweide, die Wuhlheide und dann bei Hoppegarten aus Berlin raus. Wir versuchten konstant die gleiche Geschwindigkeit zu halten und uns nicht durch überholende Menschen anregen zu lassen schneller zu werden. Immer wieder wurden wir von Passanten blöd angeschaut und nach unserem Vorhaben gefragt. Eine Gruppe von über 800 Verrückten fällt halt eben doch auf. Bis zum ersten Verpflegungsposten, bei ca. 25 Kilometern, liefen wir noch in einer großen Gruppe. Es fanden sich immer wieder sehr interessante Menschen, mit denen man ins Gespräch kam. Einige schienen genau so wenig Vorbereitung zu haben wie wir, andere erzählten von ihrem gescheiterten Versuch im Vorjahr und intensiver Vorbereitung für dieses Jahr. Langsam wurde mir klar, dass wir sehr leichtsinnig waren, zu glauben wir könnten diese Strecke einfach von der Couch aus schaffen aber noch wollte ich mich nicht beirren lassen. So liefen wir lockeren Gespräches, mit wenigen kleinen Pausen, in den Sonnenuntergang. An dieser Stelle sollte ich den Bericht abbrechen, denn bisher klingt es nach einem sehr schönen Erlebnis.

Am ersten Verpflegungsposten legten wir die erste größere Pause ein. Hier gab es vom Veranstalter Müsliriegel, Bananen, Milchbrötchen und frisches Wasser, allerdings leider nur noch Sprudelwasser. Das Stille hatten sich natürlich alle die vor uns da waren genommen und war daher, dank etwas schlechter Planung, leer. Nach 15-20 Minuten Pause ging es dann für uns weiter. Noch waren wir gut in der Zeit, auch wenn wir wohl schon zur letzten Hälfte gehörten. Die Dunkelheit war nun auch komplett eingekehrt und es war Zeit für den Einsatz der Kopflampe, die ich glücklicherweise von den Veranstaltern dafür bekommen hatte, dass sich durch mich drei weitere Freunde angemeldet hatten.

Durch die vielen Kopflampen, die sich nun durch die brandenburgischen Dörfchen und Wälder zogen, ergab sich ein lustiges Bild, welches leider nicht alle so lustig fanden wie ich. Ein einem Dorf versuchte uns ein Fahrradfahrer, der uns entgegenkam, anzufahren und beschimpfte uns. In einem anderen Dörfchen hatten betrunkene Jugendliche aus Gegenständen eine “Mauer” auf dem Weg errichtet und skandierten Sachen wie “Ausländer raus” und “Wir bauen die Mauer wieder auf” und warfen mit ihren leeren Bierflaschen in unsere Richtung. Nach diesen Erlebnissen war mir die Ruhe in der Natur umso lieber.

Gegen Mitternacht kam dann der angekündigte Regen. Zum Glück nieselte es nur leicht und war auch schon bald vorbei. Dennoch war ich froh, meine Regenjacke eingepackt zu haben, denn es wurde nun auch kälter. Vielleicht kam es mir auch nur kalt vor, da ich nun müde wurde und sich meine Beine jetzt auch deutlich bemerkbar machten. Ab Kilometer 35 machte sich bei mir und meinen Mitstreitern nicht nur die Beine bemerkbar, sondern auch unsere Laune. Nach dem wir ne Zeit lang schon fast etwas überdreht waren, trat nun eine sehr ruhige Phase ein. Man merkte, wie so langsam unsere Motivation abnahm. Umso frustrierender war es zu sehen, wie wir von einer motivierten, gut gelaunten Gruppe, schnellen Schrittes überholt wurden. Auf die Frage, woher sie ihre Energie nähmen, antworteten sie mit “Yoga” und luden uns ein, in 30 Minuten an ihrer nächsten “Yogapause” teilzunehmen. Wir lehnten dankend ab.

Die Kilometer 35-40 waren die schlimmsten. Sie führten fast komplett geradeaus durch einen dunklen Wald. Wir sahen nun weder hinter uns, noch vor uns, die Lichter von anderen Teilnehmer/innen und waren uns daher nicht mehr ganz sicher, ob wir noch auf dem richtigen Weg waren. Mein Handy hatte noch vor Beginn, den Geist aufgegeben. Somit waren wir ohne GPS und nun, da wir alleine waren, komplett auf die Wegbeschreibung angewiesen. An einer Stelle der Wegbeschreibung hieß es, man möge, nach dem der Waldweg eine Kurve macht und vom Kies- zum Schotterweg wird, abbiegen. Nun waren wir alleine mitten im Wald und rätselten, ob der Weg nun als Kies oder Schotter zu definieren sei und wo wir abzubiegen hätten. Was der sowieso schon schlechten Laune nicht gerade entgegenwirkte. Zu unserem Glück und zum Leid der Natur gab es Menschen, die den Müll ihrer Müsliriegel auf dem Waldweg verstreuten, wodurch wir wie bei Hänsel und Gretel durch den Wald liefen und der Spur aus Abfall folgten.

Mit dem Sonnenaufgang stieg bei mir die Laune auch wieder etwas. Leider war das bei meinen Mitstreitern nicht ganz der Fall. Uns allen taten die Beine langsam doch (teilweise stark) weh, sodass auch meine gute Laune nicht wirklich auf die anderen überschwappen konnte. Ab Kilometer 45 wurden wir dann sehr langsam und machten viele Pausen. Ich versuchte immer wieder zu motivieren wenigstens noch bis zum nächsten Verpflegungsposten zu laufen, an dem uns Gulaschsuppe versprochen wurde. Dieser lag bei etwas über 50 Kilometern. Als wir nun am Ausstiegspunkt S-Hagermühle vorbei liefen, war klar die anderen würden keinen weiteren Kilometer mehr laufen. Ich überlegte noch auf eigene Faust wenigstens soweit zu laufen, bis ich an meinem eigenen Erschöpfungspunkt angekommen bin.

Ein Telefonat mit den Veranstaltern brachte allerdings dann auch mich zum Ausstieg in Hagermühle, denn wir waren durch die langsamen letzten 5 Kilometer so weit hinter der Zeit, dass der Verpflegungsposten nun schon dabei war abzubauen. Ohne Trinken und vor allem ohne die Gulaschsuppe, auf die ich mich Kilometer lang gefreut hatte, wollte ich es nicht weiter versuchen und entschloss mich zusammen mit meiner Gruppe in die S-Bahn zurück nach Berlin zu steigen. Keine zwei Minuten, nachdem ich in der S-Bahn saß, war ich froh darüber aufgegeben zu haben und mich auf dem Weg Richtung Bett zu befinden, wahrscheinlich wäre ich auch nicht weiter als bis zu Gulaschsuppe gelaufen. Einen Tag später stand jedoch schon wieder fest: Das kann es nicht gewesen sein und es wurde kein Weg an einem zweiten Versuch vorbei führen.

Das Scheitern im letzten Jahr hat den positiven Nebeneffekt, dass es mich fur dieses Jahr vorbereitet hat. Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Die folgenden Erkenntnisse nehme ich in diesen Mammutmarsch mit:

  1. Entweder ich bin nicht “normalsportlich” oder der Mammutmarsch ist ohne explizites Training für normalsportliche Personen kaum machbar. Der Kopf allein bringt Dich nicht ins Ziel.
  2. Genug Essen ist wichtig aber es nutzt nichts gefühlte 20 Kilo Essen durch die Landschaft zu tragen, um sie hinterher nach Hause zu schleppen.
  3. Auf die richtigen Schuhe kommt es an! Laufschuhe (Adidas Supernova) haben sich bei mir bewiesen… (bisher blasenfrei ,).
  4. Ein funktionsfähiges Smartphone oder Navigationsgerät mit Streckenverlauf ist durchaus ratsam.
  5. Aus Erfahrungsberichten anderer zu lernen ist hilfreich, dennoch sind die besten Erfahrungen immer noch die eigenen. Also Laufschuhe an und los.