Fjällräven Polar 2018 – Tag 2: How to survive

April 23, 2018

Eine letzte heiße Dusche, ein letzter Blick in den Spiegel, ein letztes Mal Strom nutzen, bevor es für fünf Tage in die eisige Wildnis geht. Um 5 Uhr 30 stehen 24 mit mittelblauen Jacken uniformierte junge und nicht mehr ganz so junge Menschen in Sigtuna und beladen den Reisebus zum Stockholmer Flughafen mit ihren ebenso blauen Rucksäcken. Frühstück gibt es im Bus aus Papiertüten, vorher ist dafür keine Zeit. Und auch die Busfahrt reicht kaum, um den Inhalt in Gänze zu vertilgen, also konzentriere ich mich auf die tatsächlichen und mutmaßlichen Flüssigkeiten (Joghurt), die nicht mit ins Handgepäck dürfen.

Auf nach Norwegen

23 blaue Rucksäcke werden per Spezialgepäck eingecheckt. Ich hab Glück und darf das umgehen, denn ich habe meinen zum Schutz in ein graues Flight Cover gepackt und er darf per normalen Gepäck per Self-Bag-Drop aufgegeben werden. Das macht es auch umso einfacher, ihn später wieder als meinen zu identifizieren.

Der erste Flug geht nach Oslo. Ich sitze in einer Dreierreihe mit Rizal aus Malaysia und Ferenc aus England. Rizal zeigt uns einige seiner Videos, die er als Rafting-Guide aufgenommen hat. Wunderschöne und aufregende Landschaften. In Oslo heißt es, umsteigen in den Flieger nach Tromsö. Der Osloer Flughafen hat eine ganz spezielle Sicherheitsprozedur: man darf mit seiner Bordkarte erst dann die Schranke zum nächsten Terminal durchschreiten, wenn der eigene Name auf einer Anzeigetafel davor erscheint. Und das ist genau dann der Fall, wenn das Gepäck aus dem vorherigen Flugzeug ausgeladen wurde. Seltsam, die Norweger.

Im nächsten Flieger sitze ich in einer Dreierreihe. Neben mir: Rizal und Ferenc. Wir können unsere Gespräche also vertiefen bzw. wird Ferenc am Fensterplatz genötigt, Videos der schneebedeckten Berge und Inseln mit unseren Handies aufzunehmen.

Als wir in Tromsö ankommen, flippen vor allem unsere Teammitglieder aus den südlichen Gefilden vollkommen aus. Meterhoher Schnee, sowas haben sie noch nicht gesehen. Und es schneit auch gerade noch munter weiter. Nachdem wir das Chaos blauer Rucksäcke aufgelöst haben, geht es wieder zu einem Reisebus. Der soll uns weiter ins Landesinnere zum Camp Tamok fahren, wo wir unsere erste Nacht im Zelt verbringen werden. Im letzten Jahr war der Weg dorthin unpassierbar gewesen, aber wir haben Glück und kommen nach einer Fahrt durch zauberhafte Winterlandschaften am frühen Nachmittag dort an.

Ausziehen im Schnee

Uns bleibt eine halbe Stunde, um uns den Wetterbedingungen gemäß zu kleiden (re-inforce!), bei Tee, Kaffee und Keksen aufzuwärmen und dann unsere weitere Ausrüstung zusammen zu sammeln, bevor es zur Zeltaufbaueinweisung mit Johan geht. Viele von uns haben sich für Flug und Bus bequeme Klamotten angezogen. Und nun stellen wir uns die Frage, wo wir uns in Eis und Schnee umziehen sollen. Genau dort. Zwischen Eis und Schnee. Nun haben die gut lachen, die vorher schon ihre dicken Hosen angezogen und im Flieger geschwitzt haben.

Nach einer kleinen Stärkung finden wir uns auf einem Schneehügel zusammen, auf dem bereits eins der orangen Polar-Zelte steht. Professionell aufgebaut, was anderes war auch nicht zu erwarten. Wie man das macht, erklärt uns Johan kurz und knapp. Dann dürfen wir selbst loslegen. Die erste Herausforderung ist schon das Finden eines geeigneten Platzes, denn mit jedem Schritt sinken wir einen halben Meter tief in den Schnee ein. Zum Glück sind Lena, meine Zeltnachbarin, und ich schon geübt, was das Aufbauen ähnlicher Zelte angeht und so geht der Aufbau recht flott. Ein Problem bereiten die Heringe, die etwa 10 x so groß sind wie die meines Ultraleichtzeltes. Die halten auf herkömmliche Weise so gar nicht im Pulverschnee.

Johan erklärt uns den Trick. Die Zeltleinen auf die gleiche Länge ziehen, ein tiefes Loch in den Schnee graben, einen kleinen Kanal bauen, den Hering quer im Loch versenken, Loch zuschaufeln. Und das zwanzig Mal. So vergeht schon mal noch eine weitere halbe Stunde. Dann wird der Zeltinnenraum ausgeschippt. An sich total clever, denn so kann man auf dem „Schlafraum“ sitzen und sich die Schuhe anziehen.

Kocher kann ich. Oder?

Noch vor dem Abendessen steht die Lektion an: wie bekomme ich meinen Kocher zum Kochen. Der Multi-Brennstoffkocher von Primus ist schon ein ganz anderes Kaliber als die Gaskocher, mit denen ich sonst so wandern gehe. Nix mit aufdrehen und anzünden. Erstmal die Brennstoffflasche füllen, dann 20 x pumpen, dann an Schraube 1 und 2 drehen, bis ein paar Spritzer Brennstoff rauskommen. Dann Schraube 2 wieder zudrehen, mit dem Messer Funken machen (was an sich für einige schon schwer genug ist), Brennstoff anzünden, runterbrennen lassen und dann zum richtigen Zeitpunkt Schraube 2 wieder aufdrehen. Ist klar.

Irgendwie gehts, aber so richtig wissen wir nicht, was wir da tun. Und bei einigen Team mutet es mehr wie ein Inferno an. Um 18 Uhr erlöst uns die Ankunft der Musher von unserem Schicksal. Heute lernt jedes Team seinen Musher für die nächsten Tage kennen. Die Person, die uns in den nächsten Tagen auf Trab halten wird. Die uns die Faszination der schwedischen und norwegischen Arktis zeigen wird. Die jede unserer Unzulänglichkeiten aushalten muss. Nora, eine supersymphatische Skandinavierin und schon ein paarmal beim Polar dabei, wird unser Team anführen. Sie zeigt uns den Schlitten, erklärt uns, dass jeder von uns morgen sechs Hunde bekommen wird und das Wichtigste: „Niemals den Schlitten loslassen! Egal, was passiert. Der Schlitten wird festgehalten!“

Verinnerlichen

Die Freude ist groß, als es um halb acht endlich zum Dinner geht. Hunger haben wir alle und kalt ist es draußen auch, wenn man nur so rumsteht und zuhört. Als Vorspeise gibt es eine Brühe mit Rentierfleisch… und ganz vielen Knochen. Nachdem Nora sich noch zwei Nachschläge gönnt, wird uns erst klar: das ist nicht die Vorspeise, sondern der Hauptgang. Auf einmal lassen alle noch einmal ihre Schüsseln auffüllen und greifen beherzt beim Brot zu. Plötzlich schmeckt die Suppe viel besser. Zum Nachtisch gibt es Fladen mit Zimt. Die sind gut und ich hätte davon gern noch mehr gehabt.

Wenn man immer noch Empfang hat…

Nach dem Dinner sollen wir noch einmal den Umgang mit dem Kocher verinnerlichen und üben. Lena und ich beschließen, dass es auch reicht, das ganze Procedere laut zu erzählen. Das kommt der Praxis schon ganz nahe und hat einen entscheidenden Vorteil: man kann es im warmen Schlafsack tun. Die Isomatte kommt mir zwar recht spartanisch vor und ich werde sie als Grund dafür verdächtigen, dass mir in der Nacht ein wenig frisch ist, aber um 22:30 Uhr fallen die Augen zu. Es ist ja auch endlich dunkel draußen. Zumindest für vier Stunden.

You Might Also Like