Rim2Rim2Rim – Teil 2: Trail Magic

März 2, 2018

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Eingekuschelt im Schlafsack. Naja, nicht ganz. Meinen dicken Daunenschlafsack habe ich nur als Decke über mich gelegt. Es ist 1:45 Uhr nachts und es sind milde 18 Grad am 2. November auf dem Cottonwood Campground. Die Blase drückt und so schäle ich mich aus dem 5-Kilo-Winterzelt, welches in Annahme von deutlich niedrigeren Temperaturen seinen Weg in den Grand Canyon gefunden hat. Das Keb Dome als absoluter Exot in den USA hat hier noch nie jemand gesehen.

Ich schnappe mir meine Taschenlampe und mache mich auf den Weg zur Toilette im Holzhäuschen. Der Mond brettert mit seiner ganzen Kraft von oben herab, so dass ich gar keine künstliche Lichtquelle brauche. Ein so intensives Mondlicht habe ich selten gesehen. Wer immer nur in der Stadt unterwegs ist oder noch nie an einem wirklich dunkeln Ort war, der kann sich nicht vorstellen, wie hell der Vollmond die Landschaft erstrahlen lassen kann. Sterne sehe ich wenige, der Mond ist viel zu dominant. Ich schlendere langsam zum Klo und noch langsamer zurück. Diese Atmosphäre ist einfach einzigartig. Ich stehe nur bekleidet mit meiner Merino-Unterwäsche mitten in der Nacht mitten im Grand Canyon und lasse mir die warme Luft um die Nase wehen und sauge die Silhouetten der Steinformationen um mich herum auf. Völlige Stille. Mehr Freiheit kann ich mir kaum vorstellen. Es fällt mir schwer, wieder ins Zelt zu kriechen, aber ich bin ja nicht zum letzten Mal hier.

Gestrüpp oder nicht?

Obwohl es um 5 Uhr morgens noch dunkel im Canyon ist, wache ich bereits vor dem Weckerklingeln auf. Zum Frühstück gibt es selbstgemachten Porridge und eine Tasse Instantkaffee vom Gaskocher. Um die nächste Nacht nicht wieder auf dem Gruppenplatz schlafen zu müssen, klappere ich noch vorm Aufbruch zum North Rim die Campsites ab auf der Suche nach einer, die heute verlassen wird. Schräg rüber vom Gruppenplatz wird gerade abgebaut und so lasse ich mein Permit in der kleinen Plexiglasbox zur Reservierung zurück in der Hoffnung, es wird beachtet.

Punkt 7 Uhr geht es mit reduziertem Gepäck los. Geplant sind heute mindestens 22 km (11 km jeweils hin und zurück) mit entsprechend guten 1.200 Höhenmeter sowohl auf als auch ab. Gerade mal der Anfang des North Kaibab Trail ab dem Cottonwood Camp ist seicht. Schon bald beginnt der Weg in Serpentinen zu steigen. In der Ferne hört man schon Roaring Springs rauschen, einen eindrucksvollen Wasserfall, der den Anfang des Bright Angel Creek darstellt und die Nordseite des Canyon mit Wasser versorgt. Auf der anderen Flussseite sehe ich schemenhaft den Old Bright Angel Trail. Ein inzwischen wenig begangener, nicht gewarteter und damit verwilderter Trail, der früher mal den Weg vom North Rim hinab ermöglichte. Toll wäre es schon, ihn heute zu gehen. Allerdings würde das einen nicht unerheblichen Umweg und die Unsicherheit bedeuten, sich im Dunkeln durch Gestrüpp wühlen zu müssen, um den Weg zu finden. Mit dem Risiko, ihn nicht zu finden.

A Place to die for

Der Weg führt nun eng an der Felswand entlang, während auf der anderen Seite hundertmetertiefe Abgründe darauf warten, unaufmerksame Wanderer zu verschlingen. Die Wahrscheinlichkeit, auch heute noch im Grand Canyon umzukommen, ist nicht gerade gering. Ein falscher Schritt, zu wenig Wasser, Desorientierung, Überanstrengung und Überschätzung sind nur ein paar der Gründe, warum noch immer jedes Jahr etliche Besucher hier umkommen.

Während etliche Steinstufen und weitere Serpentinen immer weiter nach oben führen, hat man das North Rim stets im Blick und der Gedanke schießt mir durch den Kopf: „So weit hoch muss ich heute noch?“ Es ist anstrengend, aber die Aussicht und die sich stets ändernde Landschaft treiben mich voran. Über die einzige Brücke des North Rims, die Rainbow Bridge, wechsele ich die Seite über die Schlucht. Nun geht es rechts an der Felswand entlang.

Am Supai Tunnel ist das Wasser bereits abgestellt. Zwei ältere Herren kommen gerade von der Nordseite herunter. Vater und Sohn, die in der Phantom Ranch am Colorado River eine Hütte gemietet haben. Sie planen diesen Trip schon ein halbes Leben lang, erzählt der Sohn. Der Weg dorthin ist noch lang, daher verabschieden wir uns wieder relativ rasch voneinander.

In meinem Rucksack habe ich für den Tagestrip eine Jacke, Mütze und Handschuhe. Könnte ja kalt sein, da oben. Bislang ist mir allerdings alles andere als das. Eine Steigung von teilweise 20 % geht es jetzt hinauf und der Untergrund wird zuckersandig. Zwei Schritte vor, einen zurück. Eine Serpentine und noch eine. So viele sind in der Karte gar nicht zu sehen. Irgendwann muss es doch ein Ende haben, irgendwann müssen die Serpentinen doch mal aufhören. Tun sie aber nicht. Rechtsrum, linksrum und wieder von vorn. Steil nach oben. Immer wieder muss ich nun Mikropausen einlegen. Kurz stehenbleiben, Luft holen, Muskeln entspannen, Ausblick genießen. Weiter. Etliche Mikropausen und weitere Serpentinen später erkenne ich zwischen den hohen Nadelbäumen, die den Weg hier säumen, den Ort, an dem ich schon ein paarmal gewesen bin, jedoch noch nie zu Fuß: den North Kaibab Trailhead. Gute fünf Stunden hat der Aufstieg gedauert. Rim-to-Rim ist geschafft und damit nicht nur das. Da die beiden Corridor-Trails teil des Arizona-Trails sind, habe ich eben gerade Passage 38 von 43 erwandert!

Trail Magic

Oben angekommen. Und völlig im Eimer. Zu meiner Ernüchterung ist das Wasser am Trailhead tatsächlich schon abgestellt. Der Ranger im Backcountry Office hatte also recht mit seiner Aussage. Auf der Website des Grand Canyon war die Wasserquelle noch als offen deklariert worden. Ein paar hundert Meter weiter soll es aber beim Backcountry Office der Nordseite Wasser geben. Ein paar hundert Meter und einige Höhenmeter zuviel, denn der Rückweg steht ja auch noch an. Ich prüfe den Inhalt meiner Wasserblase. Etwa ein dreiviertel Liter ist noch drin. Eigentlich zu wenig. Aber ich kann einfach die paar Meter mehr nicht mehr gehen.

Ein amerikanisches Ehepaar kommt vom Parkplatz herbei gelaufen. Beide quetschen uns über den Weg aus. Er hat Höhenangst und will wissen, wie oft der Trail am Abgrund entlang geht. Wie viel das wirklich ist, wird mir erst auf dem Rückweg auffallen. Sie bitten mich darum, ein Foto von ihnen aufzunehmen. In dem Moment kommt ein Rudel Rehe aus dem Wald und bedient sich aus der Pfütze, die aus der abgestellten Wasserquelle noch vorhanden ist. Einige Tier kommen dabei sehr nah. Während ich die Tiere beobachte, ringe ich kurz mit mir, spreche das Paar dann aber doch noch einmal an. Ich schildere kurz, wieviel Strecke heute noch ansteht, dass ich mit Wasser hier oben gerechnet hatte und einfach nicht mehr in der Lage bin, den Umweg auf mich nehmen zu wollen. Sofort bieten die beiden ihre Hilfe an. Sie haben im Auto jede Menge Wasserflaschen. Der Mann verschwindet kurz und kommt mit zwei Halb-Liter-Flaschen wieder. Ja, DAS ist Trail Magic, von der soviele Thru-Hiker berichten.

Das ist Einsamkeit

Angesichts des Ermüdungsgrades und der zu dieser Jahreszeit früh untergehenden Sonne ist die Entscheidung für oder gegen den Old Bright Angel Trail entdeutig. Zu hoch ist das Risiko, sich zu verlaufen, noch mehr Umwege gehen zu müssen und im schlimmsten Fall im Dunkeln entlang des Canyon zu irren. Übermut ist im Grand Canyon völlig fehl am Platze. Daher geht es mit einem weinenden Auge den Weg zurück, der auch schon hier hoch geführt hatte. Das lachende Auge hingegen freut sich über die neue Perspektive, die der North Kaibab Trail beim Hinabwandern bietet. Und die ist wie so oft atemberaubend.

Die Höhenmeter purzeln nur so und kurze Zeit nach Durchqueren des Supai Tunnels sehe ich zwei Personen auf dem Trail. Eine stehend, eine liegend. Es sind Vater und Sohn, die doch heute noch zum Colorado River hinunter wollten. Trotz Trekkingstöcken ist der Vater auf dem Geröll ausgerutscht und hat sich das Bein gebrochen. Ein Wanderer aus einer Gruppe, die mir beim Aufstieg begegnet war, hatte bereits erste Hilfe geleistet, das Bein mithilfe eines Trekkingstocks notdürftig geschient und einen Notruf per Satellitenmessenger abgesetzt. Weder Vater noch Sohn haben geeignete Kommunikationsmittel dabei. Und in ihrer Situation hätte das bedeutet, dass der Sohn den Vater hätte allein lassen müssen, um entweder die ca. 8 km zum Cottonwood Campground hinab oder die anstrengenden 3 km hinauf zum North Rim zu gehen, wo Hilfe womöglich niemand mehr sein würde. Schachmatt. Einsamkeit hat nicht nur positive Seiten.

Genau das ist der Grund, denke ich mir, dass ich mich mit entsprechender Technik ausgerüstet habe. Man kann nie so doof denken, wie es mal kommen kann. Der Mann war auf einem nicht mal kritischen Stück des Weges einfach ausgerutscht und nichts geht mehr. Nach kurzer Versicherung, dass beide noch genug Wasser, Essen und warme Kleidung haben, setze ich meinen Weg fort. Etwa zehn Minuten später höre ich auch schon den Rettungshelikopter durch den Canyon knattern. Nach etlichen Schleifen landet er einige Trailmeter von den beiden entfernt und setzt einen Sanitäter ab, der gleich los eilt. Ich werde also gerade Zeuge, dass das Notfall-Satelliten-System tatsächlich funktioniert und das beruhigt mich ungemein!

Ein neuer Schlafplatz

Der Rest des Rückweges verläuft unspektakulär, also ohne weitere Vorkommnisse außer wiederholten Ooohs und Aaahs über die schönen Ausblicke. Nach immerhin 9 1/2 Stunden finde ich meinen reservierten Zeltplatz…tatsächlich leer vor. Also wird das Zelt ausgeräumt und noch im aufgebauten Zustand einmal vom Gruppenplatz auf das kleine Fleckchen unter einem Cotttonwood Baum, einer Pappelart, die dem Campground ihren Namen gegeben hat. Es ist noch hell und genug Zeit für ein warmes Mahl vom Gaskocher bei Gaskerzenlicht. Feuer ist im Canyon verboten. Das schließt auch Holzkocher ein. Noch während ich genüsslich meine Lasagne aus der Tüte verspeise, geht die Sonne langsam hinter den Felswänden unter und taucht diese auf der gegenüberliegenden Seite in tiefes Rot. Es dauert nicht lange, da erscheinen auch bereits die ersten Sterne am Firmament. Ein Lichtpunkt jedoch kommt mir seltsam vor. Der Blick auf die Karte zeigt, es kommt von der Grand Canyon Lodge am North Rim. Dort oben war ich heute gewesen.

In dreiviertellanger Merinounterhose und Hoody wackel ich einen kleinen Pfad zum Bright Angel Creek für ein wenig Katzenwäsche. Mehr ist auch nicht drin, denn das Wasser ist eiskalt. Bei dagegen 18 Grad lauem Novemberwetter kann sogar die Zelttür beim Schlafen offen bleiben. Mit direktem Blick aufs North Rim schlafe ich pünktlich zur Hiker Midnight noch vor 21 Uhr eingekuschelt und zufrieden über das Erreichte ein.

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