Médoc-Marathon – Die Flucht vor dem Besenwagen

Oktober 15, 2017

Sport unter Alkoholeinfluss. Eigentlich ein NoGo. Und doch gibt es eine Veranstaltung, sogar einen Marathon, der das gnadenlos zelebriert: der Marathon du Médoc im schönen Frankreich nahe der Atlantikküste. Alljährlich wird dort Anfang September gelaufen, getrunken, gelacht, gefeiert. Wahrscheinlich ist es sogar DER Marathon mit der größten Dichte an Verpflegungspunkten, von denen alle eins gemeinsam haben: es gibt an jedem Rotwein. Natürlich mussten Sam und ich das Ding eines Tages laufen. Und plötzlich hatten wir schon für 2017 zwei Startplätze gebucht.

Was ziehe ich nur an?

Das Motto, welches sich jährlich ändert, hieß dieses Jahr: „Musik mit 33 Umdrehungen“, also alles rund um die Schallplatte, Rock `n Roll und ähnliches. Die Kostümfindung gestaltete sich schwierig. Von Ideen über Madonna zu Cindy Lauper und einfach einem Kleid aus kleingeschnittenen CDs war vieles dabei. Erst kurz vor Abflug kam mir dann die zündende Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und bestellte ein kurzes Elvis-Kostüm. Das passt doch für den Las Vegas-Halbmarathon gleich nochmal.

Marathon mit 33 Umdrehungen

Am frühen Morgen des 9. September wurde das sonst so beschauliche Örtchen Pauillac geflutet von quietschbunten verkleideten Läufern. So verkleidet ich mir auch vorkam, in der Masse ging man einfach unter, wenn man nicht gerade eine 3 m hohe Simpsons-Pappmaché-Figur auf den Schultern trug oder den Eiffelturm. So eine hohe Quote an kostümierten Läufern hatte ich nicht einmal beim Disneyland-Halbmarathon gesehen. Wir reihten uns relativ weit hinten zwischen Kiss und dem Simpson-Mann ins Startfeld ein. Startblöcke gibt es hier nicht. Wer zuerst kommt, steht eben vorn. Aber wer hat hier schon Ambitionen, schnell zu sein? Weit über uns tronten auf einer Hebebühne drei Männeken, die elektrische Gitarre und Keyboard spielten… oder zumindest so taten. Die Musik dröhnte so oder so aus den Lautsprechern am Rand und heizte die Menge an.

Der Startschuss fällt und es tut sich… erstmal nichts. Wir stehen und warten, bis sich irgendwann mal das Feld vorne ein wenig auflöst und man zumindest losgehen kann. Dann lichtet sich die Menge und wir legen los. Sam und ich sind richtig gut drauf, denn aus gegebenem Anlass haben wir schon weit vorher beschlossen, heute bei 25 km aufzuhören. Heute geht’s ums Event, Gemütlichkeit und vor allem Wein! Und den gibt es bereits nach weniger als einem Kilometer. Gewühle, Gelache, Gedrängel, dann haben wir unsere erste Kostprobe… und für den ersten Kilometer schon 12 Minuten gebraucht.

Wir laufen weiter. Aber nach 2,8 km stehen wir schon wieder im Stau und wissen gar nicht, warum. Die Straßen des Örtchens sind eng. Nach 2 km sollte es eigentlich Frühstück geben. Das hat man sich nach der langen Strecke schließlich verdient. Also schlürfen wir mit tausenden anderer Läufer durch die Gassen und hoffen auf ein Croissant. Einige hundert Meter weiter finden wir aber nur noch leere Tische vor, auf dem nur noch ein paar Krümel darauf hinweisen: hier gab es mal Croissants. Manno! Den Kummer ertränken wir erstmal beim nächsten Weinstand/ Verpflegungspunkt.

Flucht vor dem Besenwagen

Immer mal wieder kommt vom Himmel eine ordentliche Husche und macht uns nass bis auf die Knochen. Auch nicht schlimm, denn gleich danach scheint wieder die Sonne und beschert uns schönste Regenbögen. Atlantikwetter ist schon besonders. Außerdem wärmt auch der Alkohol, denn wir nehmen wirklich jeden Verpflegungspunkt mit und halten den mutmaßlich zunehmenden Verfall fotografisch fest.

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Bei Km 10 ist der Ausblick auf die Weinberge so schön, dass wir gut 20 Minuten hier verbringen. Und plötzlich steht der Besenwagen hinter uns. Ach du Schande! Beine in die Hand genommen und weggerannt. Kann doch nicht sein! Unser Plan, immer 2 km zu laufen und 1 km zu gehen, hat sich sowieso schon längst in Luft aufgelöst. Jetzt gilt es nur noch, vor dem Besenwagen zu flüchten. Genauso gestalten sich auch die nächsten Kilometer. Wein trinken, Fotos machen, Besenwagen erblicken, wegrennen. Der Hammer. Wer das noch nicht mitgemacht hat, kann sich nicht vorstellen, wieviel Spaß das machen kann.

Langsamer als ein Zauberwürfel, aber schneller als der Eiffelturm

Während wir den Besenwagen noch gut in Schach halten können, überholt uns immer mal wieder ein Zauberwürfel. Irgendwann geben wir klein bei. Der Würfel ist einfach schneller als wir. Aber ganz vor läuft noch ein Eiffelturm, den es einzuholen gilt. Nach etwa 15 km springen einige Teilnehmer spontan in einen See kurz vorm Schloss. Ob die da wohl noch vor dem Besenwagen rauskommen? Wir laufen uns einen guten Vorsprung heraus und können sogar den Eiffelturm kassieren. Der Mann, der ihn auf seinen Schultern trägt, sieht aber auch nicht mehr gut aus. Ebenso unsere Selfies, die immer interessanter werden. Verschwommen ist durch den Regen-Sonnen-Mix nicht nur unser Blick.

Die Kilometer fliegen gefühlt erstaunlich schnell vorbei, obwohl wir tatsächlich ewig unterwegs sind. Fast 3:15 Stunden für die Halbmarathonstrecke. Aber es fetzt einfach! Ganz, ganz kurz kommt der Gedanke auf, doch weiter zu laufen. Doch genauso schnell, wie er aufkommt, wird er auch wieder im Keim erstickt. Bislang ist das alles richtig spaßig, aber wie lange werden wir dem Besenwagen noch davonrennen können? Wann wird aus Spaß Arbeit? Spätestens nach 35 km würden wir uns verfluchen und quälen, denn unser Trainings- und Gesundheitszustand gibt einen Marathon einfach nicht her.

25 km und ein wenig Schummeln

Das Chateau Rothschild ist damit unser letztes Schloss. Leider gibt es hier wider Erwarten keinen Wein. Dabei hatten wir doch erst 9 Gläser! Wir lassen den Besenwagen passieren und laufen durch den Schlosspark. An dieser Stelle engt sich der Marathonkurs ein wenig ein und man kann zu Fuß zu Km 40 durch kleine Ortschaften laufen. Der Himmel ergießt sich noch einmal wie aus Kübeln und schon scheint wieder die Sonne. Vorbei an leckeren Weinreben und kleinen französischen Häusern schlendern wir rüber zu den finalen Kilometern des Médoc-Marathons. In einem kleinen Kiefernwäldchen nehme ich mir einen 15 cm großen Zapfen mit, den ich auch bis ins Ziel tragen werde.

Kurz vorm Käse kommen wir wieder auf die Strecke. Das Entrecôte und die Austern haben wir leider verpasst. Bei Km 41 gibt es Schokoladeneis am Stiel. Die Franzosen wissen, was sich gehört. Und sogar schminken kann man sich vor dem Zieleinlauf noch einmal lassen. „In Schönheit den Lauf beenden“. Wir lassen das. Wir sind auch so schön genug.

Gemeinsam laufen wir über den roten Teppich und die Ziellinie des Marathons. Bevor man ins Finisher-Zelt gelangt, werden alle Läufer über ihre Startnummern gescannt. Da wir unsere Chips entfernt haben, nachdem wir aufgehört haben, gibt es bei uns nichts zu scannen und so erhalten wir nur unsere Trostbecher für das Nachverpflegungszelt. Finisherbag mit Weinflasche und Medaille bleiben in Frankreich. Wenn wir ehrlich sind, haben wir sie uns ja auch nicht verdient, auch wenn wir heute fast 31 km gelaufen/gewandert sind. Dafür habe ich ja meinen Siegerzapfen!

Der Médoc-Marathon, meines Erachtens ein Event, das seinesgleichen sucht. Ein bisschen wie Disneyland, nur mit Alkohol. Wer auch mal (wirklich) Spaß bei einem Wettkampf haben will, sollte sich diese Veranstaltung zumindest einmal antun und alle Ambitionen über Bord schmeißen. Médoc ist einfach eine riesengroße Party. Und ich konnte für mich feststellen: Laufen und Wein trinken geht erstaunlich gut. Da weiß ich, was im Winter in meine Trinkblase kommt. Glühwein 😊

Die schönsten gesichteten Kostüme

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Und wenn man schon in Frankreich ist…

…fährt man einfach mal die Stunde von Bordeaux zum Atlantik und genießt einen Tag am Strand mit hohen Wellen, Waffeln und dem durchwachsenen Atlantikwetter.

Ein großer Dank geht an der Stelle auch noch einmal an unseren großartigen Fotografen, der sich durch alle Massen und Weinberge gekämpft hat, um uns beim Trinken…äh Laufen zu erwischen!

 

 

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1 Comment

  • Reply Claudius Montag, der 16. Oktober 2017 at 04:18

    Sehr cooler Bericht…und auf den Fotos sieht das Wetter gar nicht so schlecht aus ;-).
    War irgendwie schon ne Weile nicht mehr hier…muss jetzt erstmal die Beiträge aufarbeiten :-).

    Habt ihr euch im März nach Öffnung des Anmeldeportals dann einfach über die offizielle Seite angemeldet?
    Wie „schnell“ oder „langsam“ waren alle Plätze vergriffen?
    Wie fliegt man darunter? (Berlin – Bordeaux direkt? oder Berlin – Paris – Bordeaux? Oder seid ihr gar mit dem Auto angereist?

    Tolle Kostüme übrigens….ihr zelebriert sowas echt immer sehr schön 🙂

    Viele Grüße

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