Las Vegas und seine Konsequenzen für den Marathon

Oktober 4, 2017

Mal wieder gab es ein Attentat. Mal wieder hat es die USA erwischt. Mal wieder starben viele unschuldige Menschen. Trotzdem ist diesmal vieles anders. Und wird es Konsequenzen haben.

Nach den Attentaten in Paris, Manchester, Nizza und Berlin, um nur einige zu nennen, gab es Wellen von Facebook-Accounts, die mit temporären Profilbildern der getroffenen Nation ihre Anteilnahme zeigten. Auf den Fluren der Büros oder in den Reihen der Freundschaften wurde ich immer wieder angesprochen, wie schlimm das doch sei. Dies alles waren Attentate mit terroristischem Hintergrund aus Richtung des IS oder ähnliche Gruppierungen.

Und diesmal, nach dem Attentat in Las Vegas? Gefühlt nichts! Niemand außer den Nachrichtensendern scheint darüber zu sprechen. Auch auf Facebook geht das Leben seinen gewohnten Gang als wäre nichts passiert, obwohl am 01.10.2017 im Schnitt genauso viele Menschen gestorben sind wie bei den vorher genannten. Ist das ein deutsches oder europäisches Phänomen? Denken wir vielleicht, das Problem war hausgemacht, weil ein Einheimischer im Land des erlaubten Waffenbesitzes durchgedreht ist? Oder sind es einfach zu viele Anschläge in zu kurzer Zeit, um immer wieder festzustellen, wie schlimm das ganze doch ist?

Sicherheit ist eine Illusion

Ich mache mir dieser Tage jedoch sehr viele Gedanken darüber. In 26 Tagen fliege ich an den Ort des Geschehens und in gut einem Monat bin ich dort zum Halbmarathon angemeldet. Schon gestern hat sich der Veranstalter per Email und über Facebook geäußert und verspricht, sich zum passenden Moment mit den Behörden und der lokalen Sicherheit darüber zu unterhalten, wie man uns Teilnehmern ein sicheres Event garantieren kann.

Soll ich euch was sagen? Eine solche Sicherheit gibt es nicht und wird es nie geben, egal, wie sich Staat, Polizei und Militär engagieren und verbiegen. Egal, wieviele Überwachungskameras installiert werden, egal, wieviel Vorratsdatenspeicherung betrieben wird, egal, wieviel Polizeipräsenz vor Ort ist. Was will man auch tun? Alle Koffer der Hotelbesucher durchleuchten und die Zimmer mit Überwachungskameras ausstatten? Zuschauer an der Strecke verbieten? Sämtliche Autos in den Garagen und umliegenden Blocks nach Bomben untersuchen? Wer einen Weg finden will, findet ihn.

Der Attentäter passt bislang in kein Profil. Er war kein computerspielesüchtiger Jugendlicher, kein armer, vom Sozialstaat vernachlässigter Bürger, kein vom IS bekehrter Extremist. Er war ein 64-jähriger Rentner, gut betucht und nach Aussagen von Bekannten ein netter Mann von nebenan. In diesem Fall sogar wortwörtlich. Keine Vorratsdatenspeicherung hat geholfen, seine Pläne zu durchschauen. Keine Sicherheitskräfte konnten die Schüsse verhindern, die 20 Minuten lang aus dem 32. Stock des Hotels auf die Konzertbesucher niedergingen.

Genau so hätte es auch beim Médoc-Marathon passieren können. Dort gab es Einlasskontrollen der Läufer und Begleiter, Rucksäcke und Taschen wurden untersucht. Die französische Polizei patrouillierte im Startbereich mit Maschinengewehren. Alles auf Sicherheit getrimmt. Aber schon 3 km weiter staute sich die Masse in einem kleinen Örtchen, tausende fast bewegungslose Läufer in einer engen Häuserschlucht. Zuschauer und andere kamen ohne Probleme jederzeit an die Läufer ran und in die Masse hinein. Wer hier hätte angreifen wollen, hätte freies Spiel gehabt. Sicherheit ist daher in meinen Augen eine Illusion.

Was passiert nun in Las Vegas?

Was wird mich wohl in Las Vegas erwarten? Ehrlich gesagt, ich mag es mir eigentlich gar nicht ausmalen. Ich halte fast jedes Szenario für möglich, um den Teilnehmern vorzugaukeln, alles sei nun super sicher. Aber wie will man das anstellen in einer Stadt, in der die Läufer auch hier durch Häuser- und Hotelschluchten laufen, wo überall Menschen sind? Es lassen sich wohl schlecht alle Hotels rund um den Marathon räumen. Oder doch?

Für mich geht inzwischen sehr viel Lebensqualität und Leichtigkeit bei solchen und ähnlichen Massenevents verloren. Ob es die nur noch DIN A5-große Handtasche ist, die ich in ein verregnetes OpenAir-Konzert mitnehmen darf, ob ich als Läufer einmal von oben nach unten abgetastet werde, ob Betonblöcke rund um Weihnachtsmärkte errichtet werden und Polizisten mit Maschinengewehren gegenwärtig sind, ob alle meine Daten und die potentieller Terroristen abgefangen und ausgewertet werden… Sicherheit gibt mir das alles trotzdem nicht. Schon gar nicht als Einwohner einer Großstadt wie Berlin und regelmäßiger Teilnehmerin an Wettkämpfen mit tausenden Teilnehmern.

Sicherheit gibt es nicht? Naja. So ganz stimmt das nicht. Und das sage ich gern jedem, der mich mal wieder fragt, ob ich denn keine Angst habe, alleine in der Wildnis wandern zu gehen. Dort wird sich sicher kein Irrer mit zehn Koffern voll Waffen hin verlaufen. Dort wird auch kein LKW durch Menschenmassen heizen, weil es einfach keine Massen gibt. Und solche Menschen brauchen die Massen, brauchen die Medien. Ja, im Backcountry, weitab der Zivilisation, wo niemand außer mir ist, fühle ich mich am sichersten. Und das ist eine Sicherheit, die mir keine Überwachung, Kontrolle, Einzäunung oder Abschottung geben kann. Zum Glück werde ich einen Großteil meines Urlaubs genau dort verbringen. In Sicherheit.

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2 Comments

  • Reply Manfred Mittwoch, der 4. Oktober 2017 at 16:17

    https://www.suedkurier.de/nachrichten/panorama/Warum-vieles-wahrscheinlicher-ist-als-Opfer-eines-Terroranschlags-zu-werden;art409965,8657606
    (Nicht, das wir uns falsch verstehen: Jedes Anschlagsopfer ist eines zuviel!!
    Und ich habe auch nach dem Boston-Attentat oft bei Läufen einen Moment, in dem ich denke, warum bewege ich mich in dieser Menschenmenge, die ein potenzielles Anschlagsziel wäre, anstelle eines entspannten Laufes in der Hasenheide oder auf demTempelhofer Feld… oder bei vielen Konzerten ertappe ich mich bei der Suche nach dem Rettungsweg…)

    Ich wünsche Dir einen schönen, guten Lauf und eine sichere Zeit in den USA!!
    Drücke Dir die Daumen
    LG
    Manfred

  • Reply Frank Mittwoch, der 4. Oktober 2017 at 16:44

    In deinem Artikel werden sehr viele Probleme angesprochen, die aus meiner Sicht tatsächlich jeweils unabhängig von einander sind und unterschiedliche Ursachen haben. Und in jedem einzelnen Vorfall sollte man sich immer wieder vor Augen halten wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, selbst bei einem dieser Attentate involviert gewesen zu – diese liegt bei geradezu 0. Demgegenüber ist das Risiko in der Natur bei einem Unwetter, durch Tiere, Abstürze etc umzukommen um einiges höher für jeden Einzelnen. Darüber berichtet nur keine Presse. Also fühle dich in Städten nicht unsicher – ich will dich nicht verunsichern aber für jeden Einzelnen ist in der Natur die Gefahr höher, als einen Anschlag zum Opfer zu fallen!

    Persönlich halte ich das Attentat auch für hausgemacht (Waffengesetze und eine Politik, die aktuell Gewalt schürt (ohne die genauen Hintergründe zu kennen)) . Es kommen tagtäglich in den USA dadurch Menschen ums Leben – das hält mich persönlich von Reisen in die USA ab (egal ob Stadt oder Natur – es kann sich fast jeder legal bewaffnen).
    Das ist wohlmöglich auch ein Grund wieso die Anteilnahme vielleicht nicht so groß ist. Ein weiterer Grund ist auch die Entfernung – man tendiert mehr Empathie zu zeigen, umso näher ein Ereignis stattfindet.

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