Die Leichtigkeit des Wanderns – Wenn jedes Gramm zählt

Mai 27, 2018

Seit über einem Jahr arbeite ich aktiv an meiner Lighterpack-Liste für den Arizona Trail. Und bei jeder Änderung denke ich wieder: „Mehr kann ich nun aber wirklich nicht an Gewicht sparen. Ich brauch das alles. Und leichter geht es nicht mehr.“ Dann schaue ich mir das eine Video von einem Thruhiker auf dem Pacific Crest Trail an oder recherchiere wieder mal nach Holzkochern. Und schon finde ich meine ach so leichte Packliste furchtbar schwer. Schon ist die nächste Investition getätigt. Ein paar Beispiele, wie schwer (!) die Suche nach der ultimativen persönlichen Ausrüstung sein kann, gibts daher heute.

Leichte Küche

Dass ich mit einem Holzkocher auf den trockenen, aber gut mit Brennmaterial ausgestatteten Trail gehen werde, war mir schon recht früh klar. Schwere Gaskartuschen möchte ich nicht mitschleppen. Das liegt zum einen am Gewicht selbst, aber auch am Risiko, plötzlich mit einer leeren Kartusche dazustehen. Oder eine viertelvolle mitzunehmen und zusätzlich eine volle, um diesem Risiko vorzubeugen. Stattdessen trage ich nur meinen Holzkocher und suche mir mein Brennmaterial vor Ort, welches in Hülle und Fülle vorhanden sein sollte. Zudem habe ich ein gemütliches und weitestgehend sicheres Feuerchen am Abend. Aber welcher Kocher ist denn jetzt der leichteste?

Links: Solo Stove, Mitte: Bushbox Titanium, Rechts: Emberlit Fire Ant

Am Anfang hatte ich den Solo Stove auf der Liste, den ich mit 256 g für leicht genug hielt. Als Holzvergaser ist er zudem sehr effizient. Dann fand ich die kleine Bushbox aus Titan, die mal eben schlappe 100 g leichter ist. 100 g sind beim Leicht- oder Ultraleichtwandern Welten für ein und denselben Gegenstand oder Einsatzzweck. Die Bushbox war also eigentlich gesetzt. Hätte ich nicht weiter recherchiert, wäre ich nicht am Ende bei der Fire Ant von Emberlit gelandet. Oh, nochmal 50 Gramm gespart. Dafür gibt man gern nochmal 90 Euro aus. Ja, beim Ultraleichtwandern setzt manchmal der Verstand aus. Und so zieht sich das durch die Liste.

Leichter Schlaf

Meine neueste Errungenschaft ist ein Daunenquilt. Ein paar Ultraleichtwanderer hatten mir mal einen Quilt vorgeschlagen. „Was soll ich denn mit so einer Flickendecke?“ dachte ich. Ein Quilt zum Wandern ist jedoch etwas ganz anderes. Im Gegensatz zum Schlafsack ist beim Quilt nur die Fußbox geschlossen. Weiter oben ist der Quilt offen wie eine Decke. Was das bringt? Liegt man im Schlafsack auf der Isomatte, liegt man die Daunen platt, die sich direkt unter einem befinden. Diese isolieren bzw. wärmen dann an dieser Stelle nicht mehr, sind also in dem Moment sinnlos. Der Quilt spart hier das Material und damit Gewicht. Für mich als Bauch- und Seitenschläfer hat der Quilt zudem den Charme, dass ich nicht ständig die Kapuze im Gesicht habe, wenn ich mich mal wieder drehe und wende, weil er oben offen ist wie eine Decke. Über Seitenclips kann er an der Isomatte fixiert werden, damit keine Luft von den Seiten eindringen kann.


Leider ist das Konzept der Quilts in Deutschland noch nicht wirklich angekommen, so dass meine Beschaffung direkt aus den USA stattfinden musste. Bei Enlightened Equipment kann man sich das Material in Dicke und Farbe aussuchen, aus dem der individuelle Quilt gefertigt werden soll. Auch die Qualität der Daune ist wählbar. Drei bis fünf Wochen wartet man dann auf den in Minnesota handgefertigten Quilt und freut sich über Einfuhr- und Zollabgaben. Aber dafür habe ich nun einen Kuschel-Quilt mit einem Temperaturbereich bis -10 Grad und gerade mal 550 g Gewicht. Ich habe in einem Schlafsack nie so gut geschlafen wie in diesem Quilt.

Monate für eine Badelatsche

Wer 20, 30, 40 oder sogar mehr Kilometer am Tag wandert, freut sich, am an Ende des Tages aus den noch so leichten Wanderschuhen herauszukommen und den Füßen Luft zu gönnen. Jeder Langdistanzwanderer hat daher ein paar Camp-Schuhe dabei. Viele setzen hier auf einfache, leichte Zehentrenner aus Schaumgummi. Diese sind günstig zu haben, unempfindlich und bringen die maximale Belüftung. Beim Fjällräven Classic hatte ich auch solche dabei, jedoch musste ich bereits am ersten Tag feststellen, dass Zehentrenner eher etwas für warme Regionen sind. Es war abends recht frisch, so dass ich meine Socken anbehalten wollte. Nach einigen Schritten riss jedoch das Band zwischen den Zehen unter dem Druck der Socken heraus. Im wahrsten Sinne des Wortes blöd gelaufen.

Seitdem war ich auf der Suche nach einem passenden Ersatz, der genauso leicht ist, aber kein Zehentrenner. Gar nicht so einfach, wie ich feststellen musste. Auf dem Ocean-to-Lake-Trail hatte ich robuste Outdoorsandalen von Merrell dabei, die super bequem sind und auch durchaus für mehr als nur als Camp-Schuhe geeignet sind. Mit 278 g sind sie jedoch vergleichsweise schwer. Meine Zehentrenner wogen nur 110 g.

Leicht, leichter, am leichtesten

Also besorgte ich mir mutmaßlich leichte Badelatschen von Adidas, die typischerweise über den Spann abschließen. So richtig leicht sind sie aber auch nicht und zudem nicht wirklich bequem. Als Fitnessschuhe in Ordnung, aber als Camp-Schuhe ungenügend. Wieder in die Badelatschenabteilung diverser Sportläden. Leider sind diese in der Regel nicht darauf ausgelegt, dass Kunden kommen und ihre Badelatschen durchwiegen wollen. Und so musste ich vom Gefühl her abschätzen, welche Latsche am leichtesten ist.
Als ich schon fast aufgeben wollte, reichte mir eine nette ältere Dame, die auch auf der Suche nach leichten Badelatschen für denselben Zweck war, ein paar andere Adidas-Latschen. Wow, die fühlten sich richtig leicht an und bequem waren sie auch. Wie für mich gemacht und tatsächlich: sie heißen Carodas.

Die Jagd nach jedem Gramm geht weiter

Und so wie diese drei Beispiele nehme ich inzwischen jeden meiner Ausrüstungsgegenstände genau unter die Lupe. Gibt es etwas besseres, leichteres, eine Alternative? Ja, sicher! Mindestens am Zelt und Rucksack könnte ich noch sparen, das ist mir bewusst. Allein hier warten rund 1,5 Kilo an Einsparmöglichkeit. Und nicht alles muss man käuflich erwerben. Ich habe inzwischen angefangen, meine Ausrüstung selbst zu modifizieren oder sogar herzustellen. MYOG (Make Your Own Gear) ist hier das Stichwort. Was ich hier mache, stelle ich dann in einem weiteren Artikel vor. Bleibt gespannt.

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